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Chinas neue Blüte : Xi Jinpings großer Traum

Was folgt aus dieser inneren Spannung des Begriffs für die Gegenwart? In dem vergangenes Jahr erschienenen Buch „Everything under the Heavens: How the Past Helps Shape China’s Push for Global Power“ interpretiert der ehemalige „New York Times“-Mitarbeiter Howard W. French die fortdauernde Aktualität des „Tianxia“-Musters vor allem als Versuch Chinas, in seiner Umgebung das alte Tributsystem wiederherzustellen. Detailliert zeigt der Autor auf, wo die Propaganda Ereignisse verzerrt, um mit irrigen historischen Belegen den Anspruch auf den pazifischen Raum zu untermauern. Zum Beispiel entlarvt er den vermeintlich pazifistischen Charakter der Erkundungen des Seefahrers Zheng He, der gern zur Begründung des grundsätzlich wohlwollenden Charakters der chinesischen Herrschaft herangezogen wird; in Wirklichkeit zielte Zhengs Mission durchaus auf die Ausweitung des chinesischen Machtbereichs.

Es geht French also eher darum, wie die Geschichte instrumentalisiert wird, um bestimmte Ziele zu erreichen, als darum, wie sie die Findung von Zielen überhaupt beeinflusst. Dieser letztere Punkt ist heute jedoch von besonderem Interesse, wenn die Frage im Raum steht, ob die Interessen des mächtiger werdenden Landes einmal direkt mit denen der Vereinigten Staaten kollidieren werden und damit die Gefahr eines Krieges heraufbeschwören. „Avoiding War with China“ und sogar „Destined for War“ lauten die Titel von zwei kürzlich erschienenen Büchern amerikanischer Politikberater.

Loyalität, Demut und Entschlossenheit

Einer der Faktoren, die die chinesische Einbeziehung der Geschichte ins politische Kalkül für die westliche Analyse so unzugänglich erscheinen lassen, ist die ganz ahistorische Präsenz, die Vorgängen aus den unterschiedlichsten Epochen zuerkannt wird. Zum Vergleich müsste man sich vorstellen, Chroniken aus der Stauferzeit zu lesen, die von Streitigkeiten im Zuge der Völkerwanderung im spätrömischen Reich erzählten, während denen laufend auf Ereignisse im Zuge des Auszugs Israels aus Ägypten 1500 vor Christus Bezug genommen würde. Man würde die Lektüre wohl etwas mühsam empfinden, würde sie aber dennoch nicht scheuen, wenn man denn ein spezielles historisches Interesse an den Staufern, an der Völkerwanderung, an der frühen Geschichte Israels hat. Kaum aber käme man auf die Idee, all diese Berichte als gültige Lektionen über den gegenwärtigen eigenen Staat zu lesen. Genau dies aber ist bei der historiographischen Literatur in China der Fall, deren Hauptthema von Anfang an die durch zahlreiche Quer- und Rückverweise beglaubigte Anbindung an eine unvordenklich exemplarische Vergangenheit ist. Immer geht es um das gleiche „Tianxia“ – China –, in dem man selber gerade lebt; dadurch steckt in jedem einzelnen Ereignis die gleiche Gegenwärtigkeit.

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