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Chinas neue Blüte : Xi Jinpings großer Traum

Was also meint China dann überhaupt mit diesem „China“, an dessen Blüte es wieder anschließen will? Historiker und Sinologen, in Deutschland zuletzt Kai Vogelsang in seiner großartigen „Geschichte Chinas“, haben immer wieder gezeigt, dass von einer Kontinuität und Einheit des Landes über die Jahrtausende hinweg entgegen aller anderslautenden Propaganda keine Rede sein kann. Die politische Geschichte der Gebiete, die heute zur Volksrepublik gehören, ist so kontingent, ausgefranst, zerstückelt, sich immer wieder neu bestimmend und definierend wie überall. Was es jedoch gibt, ist die verblüffend bruchlose Kontinuität der Mythen, Chroniken und Romane, die sich mit China beschäftigen. Wenn in China von der Tradition der „Geschichte“ die Rede ist, dann ist vor allem diese kodifizierte Überlieferung gemeint.

Die Macht muss geeint werden

Ihre Pointe ist, dass sie die reale Zersplitterung und Diskontinuität des Landes zugleich anerkennt und aufhebt. Das zugrundeliegende Konzept trägt den Namen „Tianxia“, übersetzt „Alles unter dem Himmel“. Wie der mit seinen 87 Jahren immer noch an der National University of Singapore lehrende Historiker Wang Gungwu dargelegt hat, war „Tianxia“ bei seiner Entstehung im zweiten Jahrtausend vor Christus ursprünglich eine kosmologische Idee; sie bezeichnete das Ganze einer Welt und einer Menschheit, die sich aufgrund ihrer Zivilisiertheit dieses Kosmos bewusst ist.

Mit der Zeit, vor allem seit der staatlichen Einigung durch die Qin-Kaiser im dritten Jahrhundert vor Christus, wurde daraus dann auch die Bezeichnung für die staatliche Hülle dieser Ordnung. Die Spannung zwischen partikular staatlicher und entgrenzt universalistischer Perspektive blieb bis heute. Immer wieder mussten aufgrund diverser Ausländer, die zwischenzeitlich über China herrschten (Mongolen in der Yuan-Dynastie, Mandschuren in der Qing-Dynastie), Völker, die zuvor als „Barbaren“ außerhalb der zivilisierten Welt galten, zu Chinesen umdefiniert werden.

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Einer der bekanntesten chinesischen Romane, „Die drei Reiche“ – vergangenes Jahr zum ersten Mal vollständig auf Deutsch erschienen –, handelt von den Wirren am Ende der Han-Dynastie im dritten und vierten Jahrhundert, letztlich aber von nichts anderem als davon, wie diskontinuierlich und gewaltsam „Tianxia“ in der Realität Gestalt annimmt. Schon der erste Satz greift das Stichwort auf, auch wenn das aus der deutschen Fassung nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird: „Die Geschichte lehrt, dass die Macht über die Welt, wenn sie lange geteilt war, geeint werden muss, und wenn sie lange geeint war, geteilt werden muss.“ Wo im Original von „Tianxia“ die Rede ist, übersetzt Eva Schestag „Macht über die Welt“, was genauso gut möglich ist wie „Imperium“ oder „Reich“, wie es die meisten Übersetzer bevorzugen. All die Schlachten, Intrigen, Verbrechen und Heldentaten, die auf den folgenden 1700 Seiten geschildert werden, stehen unter dieser Doppeldeutigkeit: dass unentschieden bleibt, ob es da bloß um ein umgrenztes Land geht oder um die ganze Welt.

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