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Chinas großes Experiment : Was sich alles ändern soll

Stadtmodell in der Stadtverwaltung: Ein Arbeiter bahnt sich seinen Weg durch den riesigen Nachbau Chengdus Bild: dapd

In Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, wird ein neues Sozialsystem erprobt. Doch das Geld dafür muss die Kommune selbst erwirtschaften. Wie geht das?

          Was für ein Trick! Ge Honglin ist mit allen Wassern gewaschen. Um ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Chengdu war Wochen im Voraus gerungen worden, doch erst einen Tag vor dem gewünschten Termin lässt er mitteilen, dass er nun tatsächlich eine Stunde Zeit erübrigen könne. Allerdings wolle er nur die europäischen Gäste empfangen, und da man ihm wie erwünscht zur Vorbereitung des Termins einige Fragen übersandt habe, die für die Besucher von Interesse seien, möge man sich doch der Einfachheit und begrenzten Zeit halber darauf beschränken, auch nur diese zu stellen. Wie es der Zufall will, sind Herrn Ge elf Fragen eingereicht worden, und da wir zehn europäische Journalisten sind, ist ja für jeden eine dabei. So haben wir uns den Umgang mit der Presse in China immer vorgestellt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wir, das sind die Teilnehmer einer ersten Begegnung chinesischer und europäischer Journalisten, die das von Lord Weidenfeld in London gegründete Institute for Strategic Dialogue in Zusammenarbeit mit der Jiao-Tong- Universität in Schanghai organisiert hat. Teilnehmer aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind angereist, aus China nehmen vor allem Vertreter von Wochenzeitungen teil, die als jüngere Gründungen kritischer arbeiten als die regierungstreue traditionelle Tagespresse. Als begegnungsort ausgesucht wurde Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan in Westchina, nicht ganz zufällig fernab von der prosperierenden Ostküste des Landes und Peking.

          Ein gütiges Geschick

          In dieser relativen Abgeschiedenheit soll das Experiment eines Austauschs zwischen Chinesen und Europäern leichter zustande zu bringen sein. Die Stadtregierung von Chengdu sagte Unterstützung zu, und dann das: ein Bürgermeister, der nur die westlichen Gäste treffen und allein auf der Grundlange zuvor eingereichter Frage das Gespräch mit ihnen führen will. Noch auf dem Weg zum Amtssitz werden Pläne geschmiedet, wie man mit dieser Dreistigkeit umgehen könnte.

          Doch dann kommt um 9.30 Uhr ein jovialer Herr in den Konferenzsaal. Ge Honglin ist 55 Jahre alt, hat in Kanada und Schanghai studiert und sich dort als leitender Funktionär einer großen Stahlholding einen Namen gemacht, die mit Thyssen ein Joint Venture aufgebaut hat, ehe er 2003 zum Bürgermeister von Chengdu bestimmt wurde. Natürlich spricht er fließend Englisch, aber hier beschränkt er sich auf Chinesisch; die Übersetzung lässt Raum für gewisse Interpretationen.

          Seine Begrüßung ist von größtem taktischen Geschick: Er dankt für unsere interessanten Fragen, die er im Vorhinein akribisch beantwortet habe - und das sogar schriftlich. Ein umfangreiches Manuskript wird hochgehalten, unsere Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Aber, so Ge weiter, es sei doch müßig, etwas, das schriftlich vorliege, auch noch mündlich zu besprechen. Er werde uns alle Antworten zukommen lassen, sobald die englische Übersetzung fertig sei, nun aber möge man ihm bitte nach Lust und Laune andere Fragen stellen, und ein gütiges Geschick habe ihm nicht nur eine, sondern zwei Stunden Zeit für uns verschafft. Wir sind besiegt, der Bürgermeister hat uns reingelegt: Alle Skepsis muss verblassen vor diesem Kniff.

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