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China und Japan : Eine Reihe offener Rechnungen

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Im milden Lichte: Die Brücke, an der sich einer der verlustreichsten Kriege entzündete, aufgenommen am 1. Januar 2014 Bild: Mark Siemons

Im Pekinger Widerstandsmuseum sind die neuen Risse im chinesisch-japanischen Verhältnis deutlich zu sehen. Neujahrsbetrachtung auf der Marco-Polo-Brücke, wo der letzte chinesisch- japanische Krieg ausbrach.

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          Anfang dieses mit unbehaglichen Assoziationen beladenen Jahres 2014 auf der Marco-Polo-Brücke bei Peking: Es ist ein wolkenloser, warmer Wintertag, viele Familien mit Kindern tummeln sich auf der mit 501 verschiedenen Löwenskulpturen dekorierten Steinbrücke aus dem zwölften Jahrhundert, die Marco Polo als „eine der schönsten der Welt“ bezeichnet haben soll. Es riecht wie in der ausgehenden DDR, was an den Kohleheizungen der benachbarten Festung Wanping liegt, die heute eine kleine Stadt ist; akustisch hüllen Lautsprecher die Brücke mit dröhnenden Neujahrsschlagern ein, auch mit nationalen Ertüchtigungsliedern wie „Unser Mutterland“. Riesenhaft geht die Sonne über einer unweit gelegenen Autobahnbrücke unter.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am 7. Juli 1937 brach an diesem unscheinbaren Ort der letzte chinesisch-japanische Krieg aus. Der Oxford-Historiker Rana Mitter hat in dem 2013 erschienenen Buch „China’s War with Japan, 1937 - 1945“, einer dringlichen Lektüre für das neue Jahr, diesen Krieg mit seinen China bis heute umwälzenden Folgen wieder in seinen globalen Zusammenhang geholt, aus dem er lange verschwunden war. Minutiös schildert er, wie die Lage an der Marco-Polo-Brücke eskalierte. Am 7. Juli begannen Schusswechsel, nachdem die in der Nähe stationierten japanischen Truppen behaupteten, einen ihrer Soldaten zu vermissen, und die Festung nach ihm durchsuchen wollten. Doch die chinesischen Truppen, die ihnen gegenüberstanden, stimmten nicht zu; sie hatten von Tschiang Kai-schek, dem großen Gegenspieler Maos, Anführer der nationalchinesischen Kuomintang, den Auftrag, keinen Zwischenfall zu provozieren, aber auch kein weiteres Territorium mehr an Japan abzugeben.

          Die Scharmützel hätten wie andere vor ihnen im Sande verlaufen können, doch in den folgenden Wochen zogen diesmal sowohl China wie Japan ihre Truppen zusammen. Schon lange zuvor war sich die japanische Führung über das Ziel einig gewesen, China vollständig unter ihre Kontrolle zu bekommen, doch nun begründete sie ihr Eingreifen damit, das Leben und das Eigentum der in China stationierten Mitbürger schützen zu müssen: Die „wirkliche Ursache“ des Konflikts sei „die anti-japanische Kampagne und Erziehung, die die Regierung in Nanking seit Jahren“ betreibe, erklärte der Kriegsminister. Noch vor Ende des Monats nahm Japan Peking und Tianjin ein. Es begann ein Krieg, an dessen Ende China vierzehn Millionen Menschenleben und seine gerade erst halbwegs modernisierte Infrastruktur verloren hatte.

          Feier einer siegreichen Nation

          Doch die zentrale Ausstellung im „Museum des Widerstandskriegs des chinesischen Volks gegen die japanische Aggression“, das seit 1987 mitten in Wanping steht, heißt: „Der große Sieg“. Der Krieg erscheint dort vor allem als Wendepunkt der chinesischen Nation, der dem bisherigen Niedergang ein Ende machte. Was in der heutigen von gegenseitigen Ressentiments beherrschten Lage besonders auffällt, ist, wie wenig gegen Japan gerichtete Polemik es in dieser zuletzt 2005 revidierten Ausstellung gibt. Natürlich werden Fotos und Dokumente von dem Massaker gezeigt, das die japanischen Truppen nach ihrer Eroberung Nankings verübten. Doch als Schuldige des Angriffskriegs werden nicht die Japaner schlechthin, sondern die damaligen japanischen Imperialisten und „Faschisten“ benannt; heute aber sollten, wie es auf einer großen Tafel am Ende der Ausstellung heißt, „das chinesische und das japanische Volk für immer Freunde sein“. Auf einem Foto sieht man den reformorientierten Mao-Nachfolger Deng Xiaoping lächelnd neben dem japanischen Kaiserpaar stehen.

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