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China und die tibetische Kultur : Museum des Hasses

Im Rauch der Unruhen: der historische Potala-Palast in Lhasa am vergangenen Freitag Bild: AP

Wie passt es zusammen, dass man der chinesischen Politik die Vernichtung der tibetischen Kultur vorwirft, gleichzeitig aber ein tibetischer Kulturboom zu beobachten ist? China versucht, Tibet zum Museum zu machen. Doch die Tibeter wollen nicht als touristische Marke herhalten.

          Chinas Antwort auf das Wort vom „kulturellen Genozid“, das der Dalai Lama nun schon zum wiederholten Mal auf Tibet angewendet hat, kam reflexartig und prompt: Das Gegenteil sei der Fall, die tibetische Kultur habe nie so geblüht wie unter der chinesischen Herrschaft. Es gebe 1700 gut erhaltene Tempel und 161 wichtige kulturelle Sehenswürdigkeiten, von denen fünfunddreißig sogar unter dem unmittelbaren Schutz des Staates stünden. Im jüngsten Fünfjahresplan seien 570 Millionen Yuan (57 Millionen Euro) für die Restaurierung von herausragenden Denkmälern vorgesehen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Tatsächlich hat die chinesische Kulturpolitik in den letzten Jahren aus Tibet eine Marke gemacht, die bei der gestressten neuen Mittelschicht des Landes - nicht unähnlich wie bei vergleichbaren Schichten im Westen - für Exotik, Spiritualität und einfaches Leben steht. Nicht bloß touristische Reisen ins Hochland sind in Mode, auch meditative Texte, Musik und Accessoires der Gegend haben Hochkonjunktur.

          Kulturboom und Kulturvernichtung

          Dieser Kulturboom und die vom Dalai Lama behauptete Vernichtung der Kultur scheinen einander direkt zu widersprechen. In Wirklichkeit sind es zwei Seiten derselben Medaille. Pekings Politik zielt darauf, aus Tibet, aus seiner Bevölkerung, Kultur und Religion ein hochprofitables Museum zu machen, etwas schon Abgestorbenes also, das der allgemeinen Betrachtung und Bewunderung ausgeliefert wird. Für die Tibeter dagegen ist diese Kultur ihr Leben, das sie nicht zerstören lassen wollen. Im Westen neigt man dazu, Unterscheidungen solcher Art für abstrakt zu halten; die Kritik an der Museumskultur gilt dort als ästhetisierender Luxus.

          Das ist sie in Tibet offenkundig nicht. Die Gewalt der letzten Tage zeugte von einem aufgestauten Hass, der nur noch einen Anlass brauchte, um auszubrechen: Nach Berichten westlicher Augenzeugen wurden Supermärkte, Banken und Autos angezündet, möglicherweise auch die Moschee von Lhasa; Han-Chinesen wurden auf offener Straße mit Steinen beworfen und mit Messern traktiert. Nach allen Nachrichten, die aus der von Journalisten weitgehend abgeschirmten Zone herausdringen, war das weder die friedliche Demonstration, als die die Eruption in manchen westlichen Medien plötzlich erschien, noch die von langer Hand geplante Verschwörung, als die sie die chinesische Propaganda ausgibt.

          Offizielle Hochschätzung, inoffizielle Demütigung

          Es war - und ist - offensichtlich ein völlig unkoordiniertes, chaotisches Aufbegehren aus purer Verzweiflung - niemand konnte glauben, dass die chinesischen Sicherheitsbehörden nicht über die nötigen Mittel verfügen, um die Ruhe wiederherzustellen. Wie ist das Gefühl der Demütigung und Marginalisierung, das in diesem Hass zum Ausdruck kommt, mit der Hochschätzung zu vereinbaren, die die tibetische Kultur neuerdings in China offiziell erfährt?

          Die offizielle Kultur ist ein künstliches Konstrukt, das von Kulturwissenschaftlern und Religionsgelehrten der Partei entworfen und überwacht wird; sie sind penible Kenner der Geschichte und der alten Schriften, die sie mit den Erfordernissen der Gegenwart, also der chinesischen Parteiherrschaft, in Einklang bringen. Das führt dann zu so aberwitzigen Situationen, dass die Schriftgelehrten der Partei dem Dalai Lama vorwerfen, den Buddhismus misszuverstehen, weil er erwägt, die Tradition des Dalai Lama enden zu lassen: Eine solche Flexibilität, die für den nicht-essentialistischen Buddhismus typisch ist, wollte in die bürokratischen Konzepte nicht passen. Die Tibeter werden unterdessen von vielen Chinesen nach wie vor verachtet; sie gelten als Barbaren, die man erst einmal zivilisieren muss, oder aber als Gefahr, die es einzuhegen gilt.

          Hass auf die Moderne

          So bekommt die tibetische Kultur, wie sie von Tibetern gelebt wird, zu wenig Luft zum Atmen. Der Bürgermeister von Lhasa sagt zwar, heute könnten die Tibeter die Freude an ihrer traditionellen Kultur mit den Vorteilen eines modernen Lebens verbinden. In Wirklichkeit zerstörten tibetische Jugendliche in den letzten Tagen gerade auch Geldautomaten und Ampelanlagen als Zeichen der als fremd empfundenen Zivilisation. Gewiss fühlen nicht alle so, und gegen die technische und wirtschaftliche Erschließung der Region, die zu einem allmählichen Anstieg von Wohlstand und Arbeitsmöglichkeiten führt, lässt sich schwerlich etwas einwenden, wenn man nicht glaubt, dass sich eine Kultur dauerhaft einkapseln, unter Naturschutz stellen lässt. Aber das sonst in China vermeintlich so erfolgreiche Konzept einer Moderne von oben, bei der das Zusammenwirken der gesellschaftlichen Segmente in Elitezirkeln geplant und der Rest dem Markt überlassen wird, ist hier offensichtlich an eine Grenze gestoßen.

          Schon das neue Stadtbild von Lhasa lässt keinen Zweifel daran, dass der Kultur - und mit ihr den Menschen, die in ihr leben - dort kein Eigengewicht zugestanden wurde gegenüber den Kräften der Politik und des Geschäfts. Die eingeforderte Verleugnung des Dalai Lama ist ein weiteres weithin sichtbares Zeichen dafür, wie viel an der notwendigen Autonomie noch fehlt. Die Art und Weise, wie Peking in den kommenden Wochen nun mit den Unruhen umgeht, wird nicht nur das künftige Verhältnis zum Westen prägen, sondern auf lange Zeit auch das Verhältnis der Ethnien in der Region. Wenn es schlecht läuft, war das nur die erste Revolte gegen die Moderne mit chinesischen Kennzeichen.

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