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China nach dem Beben : Rettungsaktionen sind Staatssache

  • -Aktualisiert am

In den Trümmern wird nach Überlebenden gesucht Bild: dpa

Naturkatastrophen wie das jüngste Erdbeben lösen noch heute in China Spekulationen über Vorbedeutungen aus. Sie können der Staatsführung gefährlich werden. Diese reagiert mit strenger Überwachung.

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          Manche Leute in Peking hatten es kommen sehen. Der Arzt einer Bekannten, der sich als Fachmann für traditionelle chinesische Medizin mit der Deutung von Zeichen auskennt, hatte schon vor ein paar Tagen gesagt, dass sich im Nordwesten Chinas eine Katastrophe ereignen werde. Aus der Konsistenz und Farbe der Wolken konnte er sogar ziemlich präzise auf das Datum schließen. Allerdings, fügt die Bekannte hinzu, seien viele andere Prophezeiungen ihres Arztes nicht eingetroffen, so dass der Wert seiner Voraussagen für die Zukunft zweifelhaft sei.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Erdbeben lösen in China regelmäßig einen Diskurs über Vor- und Hinterbedeutungen aus, die in der Vergangenheit sogar bisweilen den Mächtigen gefährlich werden konnten, wenn durch sie das „Mandat des Himmels“ in Frage gestellt wurden. Doch auch für Chinesen, die mit Aberglauben nichts am Hut haben, ist ein Erdbeben vom Ausmaß der Katastrophe von Qinghai (siehe auch: Zahl der Opfer steigt auf mehr als 600) nicht allein eine menschliche Tragödie. Das verheerende Beben in der Provinz Sichuan, das vor zwei Jahren mehr als 87.000 Menschenleben kostete, hatte ambivalente politische Wirkungen, auf mehreren Ebenen. Unmittelbar danach überraschte die ungewohnte Offenheit und Schnelligkeit, mit der die Medien berichteten; später freilich wurden die Zeitungen wieder auf gemeinsame Sprachregelungen verpflichtet.

          Die Linie ist klar: Das ganze Land steht zusammen

          Eine selten zuvor gesehene Hilfswelle ergriff das Land; zahllose gingen auf eigene Faust ins Erdbebengebiet. Kurz darauf versuchte die staatliche Propaganda mit Erfolg, diese zivilgesellschaftlichen Energien in „patriotische“ Kanäle zu lenken. Die Zivilgesellschaft, meint eine Pekinger Philosophiedozentin, die damals selbst in der Krisenzone geholfen hatte, habe durch dieses einzelne Ereignis keinen dauerhaften Aufschwung genommen; in den guten Willen vieler habe sich zu viel Selbstdarstellung einzelner und zu viel Chaos gemischt. Es bedürfe mehr grundsätzlicher öffentlicher Debatten, um auf diesem Weg voranzukommen. Nachträglich stießen der Künstler Ai Weiwei und andere Blogger dann noch eine Diskussion über durch staatliche Korruption verursachte Baumängel von Schulen an, die Kinder unter sich begraben hatten.

          Seit dem frühen Nachmittag berichten die staatlichen Fernsehsender kaum noch über das Beben selbst, von dem es nur einige gespenstisch überbelichtete, fast weiße Bilder gibt, sondern über die massiven Hilfsleistungen, die von Peking und anderen Regionen aus auf den Weg gebracht werden. Nur hin und wieder stockt zwischendurch die Stimme, wenn etwa ein Funktionär aus dem Katastrophengebiet im Telefoninterview sagt, gerade habe er erfahren, dass seine Mutter umgekommen sei.

          Ansonsten scheint die Linie klar zu sein, mit der in der nächsten Zeit über die Tragödie gesprochen werden soll: Das ganze Land steht zusammen, um der unwegsamen Zone zu Hilfe zu kommen. Alle Bürger sind aufgerufen, großzügig an das Rote Kreuz zu spenden.

          Diesmal soll nichts dem Zufall überlassen werden

          Von privaten Hilfsreisen ist bis jetzt jedoch, anders als in Sichuan, nicht die Rede; als Retter treten erst mal vor allem staatliche Institutionen wie die Volksbefreiungsarmee in Erscheinung. Das mag mit der schwierigen Zugänglichkeit des Gebiets zu tun haben, die es sogar für professionelle Rettungsmannschaften schwer macht, zu den Opfern vorzudringen. Mehrere Indizien sprechen jedoch auch dafür, dass diesmal bei der öffentlichen Verarbeitung des Ereignisses nichts dem Zufall überlassen werden soll.

          Ein Internetforum beim chinesischen Server Baidu zum Thema „Qinghai“ wurde geschlossen, mit dem Hinweis:

          „Entschuldigung, gemäß geltenden Gesetzen, Regulierungen und Bestimmungen ist diese Diskussion zur Zeit nicht geöffnet“. Beim Internetdienst Sohu schreibt ein Autor namens „Taojipin“ (übersetzt etwa: Das Beste aussuchen), die Propagandabehörden hätten verfügt, dass Journalisten nicht von sich aus ins Katastrophengebiet reisen dürften. Redakteure der „Shanghai Chenbao“ (Schanghaier Morgenpost) und „Jiefang Ribao“ (Befreiungs-Tageszeitung) seien schon zurückgehalten worden. „Taojipin“ erklärt das mit der heiklen Bevölkerungszusammensetzung der Region.

          Unter dem Eindruck des Schocks an Peking binden

          Unter den Tibetern, die dort leben, seien einige noch vor einundfünfzig Jahren mit dem Dalai Lama aus Tibet geflohen. Man werde, prophezeit der Internetautor, in den nächsten Wochen daher verstärkte Propagandabemühungen erleben, um diese unsichere Klientel unter dem Eindruck des Schocks und der nationalen Solidarität mehr an Peking zu binden.

          Vorerst wird mehr vom Flughafen Peking berichtet, von dem aus die ersten Hilfsmaschinen gestartet sind, als von der Katastrophenregion selbst. Das Eisenbahnministerium wird mit der Aussage zitiert, es werde keine Transportverzögerungen geben.

          Das Nationale Radio betonte zuerst, unter unverkennbarer Anspielung auf die Sichuan-Diskussion, dass nur die aus Holz und Erde gebauten Wohnhäuser eingestürzt seien, nicht aber öffentliche Gebäude und Schulen; später muss sich der Sender korrigieren, als es Nachrichten von immer mehr kollabierten Schulen gibt, die Kinder unter sich begraben haben. Am Nachmittag zitiert ein Meinungsbeitrag einen Rotes-Kreuz-Mitarbeiter, dass siebzig Prozent der Schulen in der autonomen Region Yushu eingestürzt seien. Bevor die Katastrophe möglicherweise politische Wirkungen zeitigt, steht dies jetzt im Mittelpunkt der chinesischen Aufmerksamkeit: wie möglichst viele Menschen und zumal die Kinder noch gerettet werden können.

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