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China : Markt und Mao

  • -Aktualisiert am

Kunst ist gut, Kulturkontrolle ist besser Bild:

China startet eine kulturindustrielle Offensive. Planmäßig soll die Kultur in die Obhut der Wirtschaft gegeben werden - dann kann sich der Staat auf die Oberaufsicht zurückziehen. Mark Siemons berichtet aus Peking.

          5 Min.

          Ein schönes Wort war „Kulturindustrie“ nie. Aber es funkelt auch nicht immer so düster wie bei Horkheimer und Adorno und deren Adepten zumal im deutschen Sprachraum, für die es der Inbegriff aller Verblendungszusammenhänge im Spätkapitalismus war. Für die kühlen Rechner etwa in der Europäischen Union bezeichnet es einfach eine Wirtschaftssparte neben anderen, die daher der gleichen beschäftigungspolitischen Fürsorge wie andere bedarf.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer will, kann in dieser Bedeutungsverschiebung das Merkmal eines Mentalitätswechsels erkennen: Was zuvor als polemische Formel wider die Vermischung der Sphären und den Verlust jeglicher kulturellen Autonomie gemeint war, ist nun der fröhlich gebrauchte Terminus technicus, um ebendiese Vermischung zu befördern. Es scheint gar kein Gefühl mehr dafür zu geben, daß es sich dabei um etwas Ungehöriges handeln könnte.

          Nationale China-Marken entwickeln

          Was zur Zeit in der Volksrepublik China passiert, geht noch einen Schritt weiter: Hier erklimmt die „Kulturindustrie“ die nächsthöhere Windung in der Begriffsspirale. Die Regierung gebraucht die Vokabel nicht nur ungeniert, sie macht aus ihr das Schlüsselwort ihres Modells einer leninistisch organisierten Postmoderne: eine Zauberformel, die Ideologie, Kultur, Staat und Wirtschaft wundersam vereint. Im neuen Fünfjahresplan dreht sich in der Sparte Kultur alles um dieses eine Wort.

          Mao hat es vorgemacht: Der Funktionär wird Kunst-Export

          Es soll „eine flexiblere Umgebung für die Kulturindustrie“ geschaffen werden, sie soll dabei helfen, nationale China-Marken zu entwickeln und die zurückgebliebenen Regionen im Westen des Landes auf die Beine zu bringen. Sun Jiazheng, der Kulturminister, beklagt, daß viele „Kultur-Ressourcen“ des Landes immer noch nicht in „Kulturprodukte“ überführt seien und daß viele Kulturprodukte immer noch nicht der Nachfrage der Konsumenten entsprächen.

          Symbolische Form des Neuen Lebens

          Die Kommunistische Partei Chinas hat sich anscheinend endgültig dazu entschlossen, die Kultur in marktwirtschaftlichen Kategorien zu verstehen. Was das bedeutet, ist alles andere als harmlos oder banal, auch wenn marktwirtschaftliche Reformen für China schon lange nichts Neues mehr sind. Denn wie in allen sozialistischen Ländern nimmt die Kultur auch in der Volksrepublik bis heute eine sorgsam gehütete Sonderstellung ein. Sie gilt nicht bloß als Instrument der Propaganda, sondern als die symbolische Form des Neuen Lebens selbst, für das die Kommunistische Partei steht. „Eine Kunst, die parallel mit der Politik liefe oder unabhängig von dieser wäre, gibt es in Wirklichkeit nicht“, sagte Mao 1942 in seiner berüchtigten Rede in Yanan. Der oberste Künstler ist in gewisser Weise die Partei selbst, die, wieder nach einem berühmten Mao-Wort, die schönsten Schriftzeichen auf das leere Blatt des Volkes malt. Das oberste Prinzip „Dem Volke dienen“ findet sich auch heute noch auf der Website des Kulturministeriums: „Kultur und Kunst sollten das Leben des Volkes spiegeln“, heißt es dort. Worin das Leben des Volkes besteht, definiert im Zweifel natürlich die Partei.

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