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Inhaftierte Wuhan-Bloggerin : Warten auf den Tod von Zhang Zhan

  • -Aktualisiert am

Die Dissidentin und Bloggerin Zhang Zhan, hier auf einem Bild von Ende Dezember des vergangenen Jahres. Sie hatte über den Ausbruch des Corona-Virus in Wuhan berichtet. Bild: AFP

Sie postete Videos aus Wuhan, als dort das Coronavirus ausgebrochen war. Ihren berühmtesten Film drehte sie über das Forschungslabor. Nun sitzt die chinesische Bloggerin Zhang Zhan in Haft. Sie hat den Tod vor Augen. Ein Gastbeitrag.

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          Am 6. November traf bei der Gefängnisverwaltung von Schanghai ein Brief ein. Mich erreichte er acht Tage später durch eine E-Mail des chine­sischen Menschenrechtsaktivisten Wang Jianhong. Das Schreiben enthielt unter anderem folgende Zeilen: „Ich bin Zhang Ju, der ältere Bruder von Zhang Zhan. Meine Schwester ist gegenwärtig in der fünften Gefängnisabteilung der Schanghaier Haftanstalt für Frauen inhaftiert; ihre Gefangenennummer lautet 27997. Im August 2021 konnten wir im Besuchsraum der Haft­anstalt über Telefon mit einem Arzt und auch mit Zhang Zhan sprechen. Damals erfuhren wir, dass Zhang Zhan körperlich sehr schwach war und weniger als vierzig Kilogramm wog. Zhang Zhan ist 1,77 Meter groß, und ihr Normalgewicht lag bei sechzig bis 65 Kilogramm. Seit Zhang Zhan aus dem Internierungslager von Pudong in die Frauenhaftanstalt überstellt wurde, ist ihr Körper aus verschiedenen Gründen verfallen. Ich fragte den Arzt, ob Zhang Zhan daran sterben könnte. Er antwortete, dass es sehr wahrscheinlich sei.“

          Bilder vom Virusforschungsinstitut in Wuhan

          Zhang Zhan ist eine 1983 geborene, in Schanghai lebende Video-Bloggerin, die sich vor ihrer Festnahme vor allem mit dem Ausbruch des Coronavirus in Wuhan beschäftigt hatte, wohin sie im Februar 2020 gereist war. 122 dort auf­genommene Videos hat sie im Laufe von zehn Wochen gepostet; das mit fast 22 Minuten längste wurde von ihr am 27. April 2020 auf Youtube eingestellt. Dessen Titel lautet: „Ein Besuch des geheimnisvollen Wuhan Virusforschungsinstituts: Gibt es eine Verbindung zur Herkunft des Coronavirus?“ Siebzehn Tage später überschritt die Polizei von Schang­hai ihre Befugnisse und verhaftete sie in einer anderen Provinz unter dem Vorwurf, Zhang Zhan hätte „Unruhe gestiftet“. Sie wurde deshalb zu vier Jahren Haft verurteilt.

          Demonstranten in Hongkong fordern die Freilassung von Zhang Zhan, ebenfalls aufgenommen Ende Dezember 2020.
          Demonstranten in Hongkong fordern die Freilassung von Zhang Zhan, ebenfalls aufgenommen Ende Dezember 2020. : Bild: EPA

          In seinem Brief vom 6. November schreibt Zhang Ju weiter: „Am 29. Oktober wurde meine Mutter von der Haft­anstalt benachrichtigt, sie solle zu einem Videogespräch mit Zhang Zhan vorbeikommen. Ihr Gewicht liegt nun mut­maßlich unter vierzig Kilogramm. Die Zhang Zhan, die meine Mutter sah, war noch schwächer, als wir im August am Telefon gehört hatten. Sie war auf Hilfe anderer angewiesen, um zu gehen, und ihr Hals konnte das Gewicht des Kopfes nicht mehr tragen. Meine Mutter war so erschüttert, dass sie vor den Wärtern auf die Knie fiel und um bessere Ver­sorgung von Zhang Zhan bat.“

          Zhang Jus Brief schließt so: „Zhang Zhans gegenwärtiger Gesundheitszustand erfüllt bereits die Voraussetzungen für eine ‚Haftverschonung zur medizinischen Behandlung‘. Aber auch unabhängig von den einschlägigen Gesetzen und Regularien oder humanitären Prinzipien erbitten wir die Erlaubnis, für Zhang Zhan einen Antrag auf Haftverschonung zur medizinischen Behandlung stellen zu dürfen. Uns ist klar, dass ihr Fall heikel ist. Für meine Familie kann ich sagen, dass wir bereit sind, den notwendigen Erfordernissen von Polizei, Haftanstalt und an­deren relevanten Institutionen zu entsprechen.“

          „Meine Schwester wird wohl nicht mehr lange leben“

          Meine Gedanken gehören in diesen Tagen aber vor allem den Worten, die Zhang Zhans verzweifelter Bruder zuletzt auf Twitter veröffentlicht hat: „Meine Schwester wird wohl nicht mehr lange leben. Den kommenden kalten Winter wird sie nicht überstehen. Ich hoffe, die Welt wird sie so in Erinnerung behalten, wie sie war.“

          Liao Yiwu
          Liao Yiwu : Bild: Bouchon/Le Figaro/laif

          Was kann ich tun, abgesehen von einigen spärlichen Appellen und Erwähnungen? Becketts unsterbliches Drama „Warten auf Godot“ hat sich in diesem Fall in „Warten auf den Totengott“ verwandelt. Millionen Chinesen verfolgen das Schicksal von Zhang Zhan. Sie alle wissen, dass der Totengott erscheinen wird, sei es in der Gefängniszelle oder sei es wie beim chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der 2017 offiziell zwar „zur medizinischen Behandlung begnadigt“ worden war, aber dennoch in Gefangenschaft gestorben ist.

          Wir erwarten die Nachricht von Zhang Zhans Tod. Vor zwei Monaten habe ich mein neues Buch „Wuhan“ abgeschlossen. Nun habe ich meinem deutschen Verlag geschrieben: „Die fiktiven und nicht-fiktionalen Figuren in diesem Buch verschwinden eine nach der anderen. Zhang Zhan, als letzte, wird da noch nicht vermisst, doch nun liegt sie im Sterben.“

          Liao Yiwu, geboren 1958 in der chinesischen Provinz Sichuan, ist Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels; seit 2010 lebt er im Exil in Berlin. Ende Januar wird sein Dokumentarroman „Wuhan“ bei S. Fischer erscheinen.

          Aus dem Englischen von Andreas Platthaus.

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