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Erinnerungsakt in Chemnitz : Sein Platz in seiner Stadt

Blick aufs Gebäude der Kunstsammlungen Chemnitz Bild: dpa

Chemnitz benennt einen Platz nach dem 1933 ermordeten jüdischen Rechtsanwalt und Kunstsammler Arthur Weiner. Er war eines der ersten Opfer der NS-Diktatur.

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          „Orte wie dieser geben Anlass zur Spurensuche“, sagte Sven Schulze, der Oberbürgermeister von Chemnitz, am Samstag mitten in seiner Stadt. Er sprach im Freien vor dem prächtigen Jugendstilgebäude der Kunstsammlungen. In gebührendem pandemischen Abstand hatte sich außer ihm noch ein rundes Dutzend Gäste versammelt zu einer der wichtigsten erinnerungspolitischen Handlungen, die die kommende Europäische Kulturhauptstadt in den vergangenen Jahren erlebt hat.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Stadtrat hat beschlossen, einen neuen Platz auszuweisen und ihn nach Arthur Weiner zu benennen. An diesem Abend wurde er eingeweiht, und bis zuletzt war unklar, ob die Wetterlage überhaupt gestatten würde, die Zeremonie auf dem Platz selbst durchzuführen. Aber dann hatte wenigstens der Himmel ein Einsehen, wenn man schon im durch hohe Inzidenzzahlen belasteten Chemnitz nicht den großen Festakt veranstalten durfte, der dem Anlass angemessen gewesen wäre.

          Nun gibt es also wieder einen Ort in der Stadt für Arthur Weiner, Chemnitzer von Geburt und vielleicht auch dort gestorben, aber das weiß niemand genau. Man fand seine Leiche am 11. April 1933 am Straßenrand kurz vor der kleinen Ortschaft Wiederau, etwa 25 Kilometer nördlich von Chemnitz, in seiner Kleidung waren sowohl Papiere als auch Uhr und Bargeld unangetastet. Am Abend zuvor hatten drei Männer in SA-Uniform den fünfundfünfzigjährigen jüdischen Rechtsanwalt und Notar mitten aus einem Essen mit Freunden abgeholt, angeblich zu einer Befragung; wenige Tage vorher war im „Chemnitzer Tageblatt“ sein Name zusammen mit weiteren lokalen jüdischen Gewerbetreibenden in denunziatorischer Absicht veröffentlicht worden. Bevor man Weiner erschoss, wurde er misshandelt, die Umstände des Mordes machten Schlagzeilen bis in die „Frankfurter Zeitung“. Das war offenbar selbst den neuen nationalsozialistischen Machthabern zu viel; das Kriminalamt Chemnitz setzte eine „hohe Belohnung“ für Hinweise aus: „Die Aufklärung dieser Bluttat muß alsbald gelingen, das deutsche Ansehen in der Welt verlangt das.“ Sie wurde natürlich nie aufgeklärt; alles spricht für einen der damals häufigen Fälle von willkürlichem SA-Terror, die von der Justiz gar nicht ernsthaft verfolgt, geschweige denn geahndet wurden. Weiners Witwe gelang später die Ausreise zu ihrer in London lebenden Tochter.

          Seit Jahrzehnten war Arthur Weiner in Chemnitz unsichtbar

          Die Spuren des Lebens von Arthur Weiner in Chemnitz waren bis vor kurzem so ausgelöscht wie die Spuren seiner Ermordung, nur das Grab auf dem jüdischen Friedhof im Stadtteil Altendorf existiert noch. Die beiden innerstädtischen Gebäude, in denen Weiner praktizierte, sind ebenso dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen wie seine Villa in der Stollberger Straße. Dort ist immerhin seit 2007 ein „Stolperstein“ für ihn im Trottoir eingelassen, aber als Bestandteil einer Straßenbahnhaltestelle bleibt dieses Gedenken so gut wie unsichtbar, am Fundort seiner Leiche in Wiederau gibt es überhaupt keine Erinnerung.

          Selbst sein Engagement als Kunstsammler und in zahlreichen Gremien aktiver Mäzen, der dem Museum ein Exemplar der berühmten Grafikmappe „Die Ausgestoßenen“ von Ernst Barlach schenkte, war vergessen, zumal die meisten Barlach-Werke im Zuge der Aktion „Entarteter Kunst“ 1937 beschlagnahmt wurden. Nur ein Blatt verblieb im Bestand des Hauses, und als es die Mappe nach dem Krieg aufs Neue erwarb, handelte es sich um ein anderes Exemplar.

          Das Ehepaar Arthur und Hilde Weiner, aufgenommen in Chemnitz 1909
          Das Ehepaar Arthur und Hilde Weiner, aufgenommen in Chemnitz 1909 : Bild: Archiv Familie Fleiss

          Just mit dem Einsatz Weiners als Kunstsammler für seine Stadt – er war auch Fördermitglied der hier stark verwurzelten Künstlergruppe „Die Brücke“ – ist jetzt die Rückkehr seines Namens verbunden. Der nach ihm benannte Platz liegt zwischen der Straße der Nationen, einer Magistrale in der Innenstadt, und der Giebelseite des Gebäudes der Kunstsammlungen; die Plakette, die seit Samstag dort von Arthur Weiner erzählt, ist an der Außenwand des Museums angebracht, das ihm viel verdankt. In dessen Innerem hätte am selben Tag die Ausstellung „Tu BiShvat – Fest der Bäume“ eröffnen sollen, mit denen das Haus all die jüdischen Kunstsammler würdigt, die es vor der Schoa reich mit Stiftungen und Spenden bedacht haben: „Ohne sie stünden die Kunstsammlungen heute nicht so glänzend da“, sagte deren Generaldirektor Frédéric Bußmann bei der Feierstunde, die auch die virtuelle Eröffnung umfasste.

          Im Netz werden Einblicke in die Schau ermöglicht, die bei Sinken der Fallzahlen hoffentlich im Juni für Publikum geöffnet werden kann. Die auflebende Erinnerung in Chemnitz, wo heute wieder etwas mehr als 550 Juden leben, weniger als ein Viertel der Zahl von 1933, ist wichtig, gerade jetzt, wo quer durchs ganze Land auch der Antisemitismus auflebt. Was da die Benennung des Arthur-Weiner-Platzes bewirken soll, steht auf der Tafel: „Mahnung für die Gegenwart und Verantwortung für die Zukunft, jeder Form von Diskriminierung entgegenzutreten“.

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