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Ausstellung zur Charta 77 : Die Macht der Ohnmächtigen

Die Dissidenten Václav Havel, Ludvík Vaculík und Pavel Kohout Mitte der siebziger Jahre in Kohouts Wohnung. Bild: Bibliothek Libri Prohibiti, Prag

Vor gut vierzig Jahren entstand in der damaligen Tschechoslowakei die Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. Eine Ausstellung in Leipzig fragt nach ihrem Erbe.

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          Dass die Hochzeit des Dichters Ivan Martin Jirous, genannt „Magor“, auf Deutsch „Der Narr“, und der Künstlerin Juliana Stritzková keine kleine Sache werden würde, hätte man vielleicht ahnen können. Nicht nur der Gästeschar aus der tschechischen Künstlerszene wegen, die sich auf dem Foto zur offiziellen Einladungskarte auf der Prager Karlsbrücke drängelte und die der Maler Jan Šafránek auf einem Ölbild verewigte, seinem Hochzeitsgeschenk. Sondern auch wegen des „Musikfestivals der zweiten Kultur“, das im Anschluss an die Hochzeit im tschechischen Ort Bojanovice abgehalten wurde – Jirous war Mitbegründer der anarchistischen Band „Plastic People of the Universe“, deren Mitglieder wie viele andere tschechische Künstler mit Berufsverbot belegt worden waren. Und ein Festival, bei dem ausgerechnet diese Band auftrat, musste den zunehmend repressiven Staat nervös machen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Härte, mit der die Justiz dann im Frühjahr 1976 gegen die am Festival Beteiligten vorging, war dennoch unerwartet zu einer Zeit, in der sich der Staat eigentlich bemühte, die Erinnerung an die gewaltsame Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im August 1968 verblassen zu lassen. Neunzehn am Festival Beteiligte wurden festgenommen und vor Gericht gestellt, wenig später kam es in der „Rude Pravo“, dem Zentralorgan der tschechischen Kommunisten, zu einer massiven Diffamierungskampagne gegen den Lebensstil der Undergroundkünstler.

          Umgekehrt solidarisierte sich nun eine Reihe von Intellektuellen mit den Inhaftierten. Sie wandten sich mit einem Protestbrief an den tschechoslowakischen Präsidenten und später mit der Bitte um Unterstützung an Heinrich Böll – der Brief wurde am 28. August 1976 in dieser Zeitung publiziert und trug die Unterschriften einiger Autoren und Künstler, die später auch die „Charta 77“ unterschreiben sollten, allen voran der Dramatiker Václav Havel, der Philosoph Jan Patočka und der Dichter und Verleger Ludvíg Vaculík.

          Die Gerichte verhängten hohe Haftstrafen gegen die Undergroundkünstler. Und ihre Unterstützer sammelten im Dezember 1976 Unterschriften für ein neues, grundsätzliches Manifest. Es stammt in wesentlichen Passagen von Havel, und man kann es in seiner List und zugleich großen Deutlichkeit nur bewundern: Es steht fest auf dem Boden der in der Tschechoslowakei geltenden Gesetze, mehr noch, die Unterzeichner nehmen für sich in Anspruch, diese Gesetze vollkommen ernst zu nehmen – anders als die Regierung, die sie ja erlassen oder sich ihnen angeschlossen hat wie etwa der Schlussakte von Helsinki. Denn die dort verbrieften Rechte der Bürger gälten „leider nur auf dem Papier“, heißt es in der Charta, die ausdrücklich das Recht auf freie Meinungsäußerung nennt. „Die Verantwortung für die Einhaltung der Bürgerrechte im Land obliegt selbstverständlich vor allem der politischen und staatlichen Macht“, heißt es weiter: „Aber nicht nur ihr. Jeder trägt sein Teil Verantwortung für die allgemeinen Verhältnisse und somit auch für die Einhaltung kodifizierter Pakte“ – ein ungeheurer Satz in jeder Diktatur und ein folgenreicher Kunstgriff zugleich. Denn indem die Unterzeichner – die ausdrücklich „keine Organisation“ begründen, keine Partei sein und keine Mitglieder werben wollen – auf dieser juristischen und moralischen Basis argumentieren, muss sich jedes staatliche Organ, das gegen sie vorgeht, zugleich auch auf eine Diskussion darüber einlassen, wie sie es denn mit den Bürgerrechten hält, zu deren Einhaltung sich das Land gerade im Rahmen eines internationalen Abkommens verpflichtet hatte. Und deshalb stellte sich auch die Publikation des Manifests im westlichen Ausland als wirkungsvolles Druckmittel der Unterzeichner heraus – obwohl der Staat hart zurückschlug und sie inhaftierte oder zur Ausreise zwang, sie bespitzelte und drangsalierte.

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