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Attentat auf „Charlie Hebdo“ : Ein Anschlag auf das Wertvollste, was der Westen hat

Die Vorhersagen des Magiers Houellebecq auf dem Titelblatt des französischen Satiremagazins vom 7. Januar 2015 Bild: AFP

Attentat zum Erscheinungstermin: Die Schüsse auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ fielen am Tag der Auslieferung von Michel Houellebecqs Islam-Roman „Unterwerfung“.

          6 Min.

          Die literarische Unschuld und die Lust am Roman waren von kurzer Dauer. Muss man Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ nun doch als Vorwegnahme lesen? Als „Antizipationsroman“ hat ihn Emmanuel Carrère bezeichnet, der neben Houellebecq emblematischste Vertreter der französischen Gegenwartsliteratur. Carrère meinte nicht die Schüsse in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, die fielen, als in den Buchhandlungen die ersten Exemplare verkauft wurden. Es war ein Attentat zum Erscheinungstermin.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Emmanuel Carrère vergeicht Houellebecq mit Aldous Huxley und George Orwell. „Wie in ,1984‘ geht es um die Auseinandersetzung mit der Propaganda und die politische Korrektheit. Mit Huxley verbindet ihn die Faszination für die Religion - bei Houellebecq ist es bekanntlich der Islam.“ Carrère selbst hat gerade einen phänomenalen Bestseller über das frühe Christentum vorgelegt, einen Roman über das Leben von Paulus und Lukas. Houellebecq bescheinigt er eine „diffuse Mutation, die wir alle spüren“. Houellebecq habe eine Bedeutung erlangt wie einst Sartre.

          Viele Feinde

          Es gibt in „Unterwerfung“ keine Stelle, die religiöse Empfindungen der Muslime verletzen würde. Provoziert hat sie Houellebecq hingegen in verschiedenen Interviews. Vor mehr als zehn Jahren bezeichnete er den Islam, der in seinen Romanen omnipräsent ist, als „dümmste aller Religionen“. In „Plattform“ überfliegt sein Held Afghanistan, es ist tiefe Nacht und kein Land in Sicht: „Die Taliban haben sich zur Ruhe gelegt und schmoren in ihrem Dreck.“ Wer die Taliban sind, wussten beim Erscheinen des Romans nur wenige: Es war ein paar Wochen vor dem 11. September. Der Sex-Tourist ist auf dem Weg nach Thailand in den Ferienklub Aphrodite - in dem islamische Terroristen ein Blutbad anrichten. Sein Remake in der Wirklichkeit fand im Jahr danach in Bali statt, wie im Roman lief es ab - seither steht Houellebecq im Ruf, ein Visionär zu sein.

          In „Karte und Gebiet“ inszeniert er seinen eigenen gewaltsamen Tod. Die Leiche musste seziert werden - der Schriftsteller war ermordet worden, zusammen mit seinem Hund, und so übel entstellt, dass es dem Gerichtsmediziner nicht möglich war, die einzelnen Teile dem Menschen oder dem Tier zu zuweisen. „Er hatte viele Feinde“, sagten die Befragten dem Kommissar, der in der Kirche bei der Abdankung präsent ist und erschauert, als er sieht, dass die sterblichen Überreste in einem Kindersarg hineingetragen werden.

          Houellebecq als Kritiker des Kapitalismus

          Die Schüsse auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ galten auch Houellebecq. Die Terroristen waren über die journalistischen und literarischen Gepflogenheiten bestens informiert. Am Mittwochmorgen findet die einzige Redaktionskonferenz statt, ansonsten sind die Räume weitgehend verwaist. Die kleine satirische Zeitschrift verhöhnte alle Religionen, sie steht in der Tradition der französischen Antiklerikalismus und pflegt eine Satire, die sich an keinerlei Grenzen hält. Die katholische Kirche wird jede Woche der Lächerlichkeit ausgesetzt, der deutsche Papst Benedikt war ein gefundenes Fressen für die Zeichner. „Charlie Hebdo“ hatte die dänischen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt und ihnen ein gezielt provozierendes Sonderheft gewidmet. Beim Prozess in Paris verteidigten viele Politiker, welche die Publikation als unnötige Provokation kritisiert hatten, die Meinungsfreiheit der Zeitschrift. Es gab einen Freispruch.

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