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Charité : Streik? Euch geb' ich!

Streik und Streit in der Charité Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Einer Führungsschicht kommt die Perspektive der Geführten abhanden: Die streikenden Ärzte in den Kliniken sehen sich von ihren Chefs als Gegner behandelt - und das in ihrer gerechten Sache.

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          Er habe die Wirkung unterschätzt, aber zu den Inhalten müsse er stehen. So reagierte der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charite, Detlev Ganten, während einer Fakultätsratssitzung in dieser Woche auf Proteste seiner ärztlichen Kollegen.

          Die hatten sich über ein von ihm mitunterzeichnetes Schreiben beschwert, in dem die Leitung des Universitätsklinikums auf den Streik seiner Ärzte reagiert hatte. Seinem Stil und Inhalt nach sahen Mitarbeiter der Klinik ihre Erinnerungen an autoritäre Regime aufgefrischt.

          Die Direktoren der Kliniken und weitere leitende Angestellte werden in jenem Schreiben unter anderem gebeten, „alle zur Verfügung stehenden Informationen, wie z.B. Flugblätter, ausdrücklich benannte Streikziele etc. einzusammeln und an den Geschäftsbereich Changemanagement/Personal weiterzuleiten“. Insbesondere bei Pressekontakten sei die Weitergabe von Informationen ausschließlich über den Geschäftsbereich Unternehmenskommunikation „sicherzustellen“. In den jeweiligen Einrichtungen sollten Leitungskräfte bestimmt werden, um die Arbeitsniederlegung zu „begleiten“, die Einzelheiten schriftlich zu dokumentieren und diese(!) an den Geschäftsbereich Personal weiterzuleiten. Streikziele einsammeln, Einzelheiten weiterleiten - man versteht trotz grammatikgechangeten Managerdeutschs: Es sollen Beweisgrundlagen für Maßnahmen geschaffen werden.

          Welche Maßnahmen?

          Welche Maßnahmen? Die Ärzte der Charite befürchten, daß sie sich im Schreiben angedeutet finden: „Arbeitnehmer, die sich an Arbeitskampfmaßnahmen nicht beteiligen, werden solange wie möglich beschäftigt.“ Im Unterschied zu denen, die sich doch beteiligen? Wer nur sagen wollte, daß er keine Aussperrungen vorhat, hätte es leicht deutlicher formulieren können. Die bittere Ironie der Wendung „solange wie möglich“ erkennt überdies, wer weiß, daß der Witz, an der Charite sei die Laufzeit der Verträge für die meisten Ärzte kürzer als die Liegezeit der Patienten, nur schwach übertreibt. Daß, wie Ganten nun behauptet, sein Vademecum für den Arbeitskampf einfach nur über die Gesetzeslage informieren wollte, gilt jedenfalls für den zitierten Satz nicht.

          Was den Vorgang exemplarisch macht, ist weniger die Mischung aus scharfen Tönen im Binnenverhältnis, Geschmacksunsicherheit und Verdruckstheit, wenn es über nicht sichergestellte Pressekontakte am Ende doch herauskommt. (Liebe Vorstandsvorsitzende, spart euch doch all diese dringenden Bitten. Die Weitergabe von Informationen läßt sich nicht sicherstellen, die „Unternehmenskommunikation“ endet keinesfalls an der Pforte, und das gehört sich auch so in der liberalen Gesellschaft, die ihr doch auch wollt, oder?)

          Als Gegner behandelt

          Exemplarisch ist an den Kontrollträumen im Klinikdirektorium die deformation professionelle: Einer Führungsschicht kommt die Perspektive der Geführten abhanden. Die Ärzte sehen sich von ihren Chefs als Gegner behandelt - und das in ihrer gerechten Sache. Mehr als achtzigtausend Überstunden leisten sie in jedem Monat. Gegen europäisches Recht verlangt man von ihnen unbezahlte Dienste in arbeitsmedizinisch und medizinethisch verantwortungslosem Umfang. Berechnungen, die ihre Überstunden einbeziehen, kommen für sie auf einen Stundenlohn von knapp drei Euro.

          Was die jungen Ärzte an diesem wie an anderen Krankenhäusern in den Streik treibt, sind aber nicht die Zahlen selber und nicht ein paar Prozent am Gehalt. Es ist das, was sie durch solche Zahlen und die offene Indifferenz der Politik symbolisiert sehen müssen: daß ihre Arbeit mißachtet, weil ausgenutzt wird. Man sieht über ihre Rechte hinweg, verweist auf übergeordnete Notwendigkeiten, setzt darauf, daß sie sich alles gefallen lassen, und beschwichtigt derweil das Volk, es gebe „Riesenfortschritte“ (Ulla Schmidt) bei der Gesundheitsreform, und man stelle dabei stets „den Menschen in den Mittelpunkt“.

          Und nun kommen die Klinikchefs, die wissen, daß die Streikenden keine Ärzte sind, die ihr Zweitboot sichern wollen, die wissen, daß ihresgleichen im Unterschied zu jenen sich um Zweitboote keine Sorgen machen muß, und die beispielsweise auch sehr genau wissen, wie wenige ihrer eigenen Publikationen ohne die Arbeit jener jungen Ärzte und Forscher entstanden sind - kommen daher und überbieten jene unverständige politische Ignoranz noch. Von den Griechen hat Nietzsche behauptet, sie hätten ihre Sklaven einfach nicht gesehen. Es wird eine ganz ungriechische Stimmung werden, sollten die Chefs, Vorstandsvorsitzenden und Zweitbootbesitzer ganz allgemein dem Glauben verfallen, einen solchen Gestus nachahmen zu können und es noch für Unternehmenskommunikation zu halten.

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