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Politologin Chantal Mouffe : Wenn die Linke doch nur populistischer wäre

  • -Aktualisiert am

Chantal Mouffe auf einem Archivfoto von 2013 Bild: Picture-Alliance

Chantal Mouffe versteht sich als Radikaldemokratin, antikapitalistisch, aber auch sozialistisch und irgendwie liberal. In Kreuzberg verteidigt die Politologin den Führergedanken: Müssen wir einfach nur mehr Volk wagen?

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          Wenn das Franz Josef Strauß zugeschriebene Diktum gilt, dass in der Stimme des Volkes (vox populi) nur jene des Rindviehs blökt, dann hieße Populismus, den Forderungen der Rindviecher eine Stimme zu geben. Wer sich als Politiker den Vorwurf des Populismus anhören muss, scheint also seine Aufgabe der demokratischen Veredelung des schlichten Volkswillens zu vernachlässigen. Ein öffentliches Bekenntnis zu mehr Populismus kann darum nur in paradoxer Weise gemeint sein. Der geforderte Populismus darf nicht der vulgäre von ganz rechts sein, er muss ein emanzipatives Projekt bezeichnen. Auch die Linke darf im Genossen nicht das Rindvieh, sondern nur den Citoyen ansprechen. Wenn der aber erst mal seinen Affekten freien Lauf lässt, einen charismatischen Führer findet, den Gegner auf der anderen Seite der Front kennt und den Kampf mit ihm nicht scheut, dann endlich wird das Volk aus der Krise finden. Führer? Volk? Front? Wo sind wir denn hier gelandet?

          Mit Chantal Mouffe in Berlin-Kreuzbergs SO36. Auf der Bühne des legendären Punk-Clubs sitzen an diesem Abend eine Populistin und eine Linke, und das Thema von Mouffe und Katja Kipping, der Vorsitzenden der Linkspartei, ist die Frage, ob die programmatische Verschmelzung von links und Populismus Letzterem den Mief von Bierzelt und Stammtisch austreiben könnte. In ihrem gerade erschienenen Buch „Für einen linken Populismus“ (F.A.Z. vom 29. September) hat sich Mouffe allerdings Aussagen zu eigen gemacht, die man auch für einen Originalton von ganz rechts halten könnte. Wahlen, so die belgische Politikwissenschaftlerin, böten heute nicht mehr die Möglichkeit, zwischen echten Alternativen in Form der traditionellen Regierungsparteien zu wählen. Es gäbe nur noch den „Konsens der Mitte“, und alle, die sich ihm entgegenstellten, würden als Extremisten gebrandmarkt, als Populisten disqualifiziert oder gleich, wie kürzlich von Emmanuel Macron, als neue Lepra Europas geschmäht. Natürlich sei es bequem, so Mouffe, die rechtspopulistischen Parteien als rechtsextrem oder neofaschistisch zu beschimpfen und ihre Attraktivität auf einen Mangel an Bildung zurückzuführen.

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