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CCTV Tower in Peking : Aufstand der Massen

  • -Aktualisiert am

So wird ein Symbol der Zukunft gebaut: Arbeiter vor dem entstehenden CCTV Tower in Peking Bild: picture-alliance/ dpa

Er wird als architektonische Sensation gefeiert und als Symbol der Macht kritisiert: Ein Besuch auf der Baustelle des CCTV Towers in Peking - und bei denen, die ihn bauen.

          Als wir in Peking ankamen, lag ein seltsames Licht über der Stadt, und die Silhouetten der Hochhäuser verschwanden in einem graubraunen Dunst. Heute sei die Sicht leider nicht gut, erklärte die Dolmetscherin, es sei aber nicht so, dass dieses apokalyptische Halblicht immer gleich auf die Luftverschmutzung zurückgeführt werden könne, wie das, sagte sie, die westlichen Medien gern darstellten; oft handele es sich nur um Sandstürme aus der mongolischen Steppe. Während sie das sagte, tauchte aus dem Dunst der neue Doppelturm des chinesischen Fernsehsenders CCTV auf.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist schon viel über diesen Bau, den Rem Koolhaas gemeinsam mit dem 37-jährigen deutschen Architekten Ole Scheeren entwarf, geschrieben worden: über die architekturgeschichtliche Bedeutung seiner spektakulären Form, über das Problem, Symbole für Propagandasender zu bauen; aber noch war kaum einer im Gebäude selbst - wobei es ganz hilfreich ist, sich erst mal den Bau anzuschauen, bevor man den ideologischen Überbau diskutiert.

          Unter jedem Bauarbeiterhelm eine Geschichte des neuen Chinas

          Also ein Besuch auf der Baustelle. Der Rohbau ist seit kurzem fertig, jetzt wird die Fassade verkleidet. Es ist Sonntag, aber es wird gearbeitet, ein verrosteter Bus setzt die Bauarbeiter ab. Koolhaas ist noch nicht da, eine Mitarbeiterin lässt uns auf die Baustelle, man sieht, zwischen Stahlträgern und Kränen, Hunderte von gelben Bauarbeiterhelmen, und unter jedem verbirgt sich eine Geschichte des neuen Chinas.

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          Da ist Bai Ling Ju. Sie sei, erzählt sie der Dolmetscherin, mit ihrem Mann gekommen, der als Stahlarbeiter sein Geld verdient. Sie und ihr Mann hatten als Schweinebauern gearbeitet, in Sichuan, im Osten des tibetischen Hochplateaus am Oberlauf des Jangtse, aber die Tiere brachten gerade so viel Geld, dass sie davon leben konnten, nicht genug, um der Tochter ein Studium zu bezahlen. Deswegen arbeiten sie jetzt hier, für rund 1000 Yuan, etwa 100 Euro im Monat - das ist etwas mehr, als man auf dem Land, aber immer noch deutlich weniger, als ein Hotelangestellter verdient.

          Opfer der Umwälzungsprozesse, abgerutscht ins neue Elend

          Es gibt viele solcher Geschichten auf Pekings Großbaustellen, und viele enden nicht gut. Erst vor kurzem kam auf der Baustelle von Herzog & de Meuron ein ungelernter Arbeiter ums Leben, der Geld für die Hochzeit seines Sohnes verdienen wollte; als seine Frau kam, um seine Habseligkeiten abzuholen, hatten sie ihn schon eingeäschert; wie oft auf Pekings Großbaustellen so etwas passiert, weiß keiner, und auch diese Geschichte kam nur durch einen Zufall heraus.

          Die Menschen, die man hier trifft, gehören nicht zum strahlenden neuen China, sie sind oft Opfer der Umwälzungsprozesse, einige sogar abgerutscht aus der Mittelschicht ins neue Elend. Shang Gin Feng zum Beispiel kommt aus Nanjing, er hatte eine kleine Spielzeug-Manufaktur, exportierte sogar, sagt er, nach Kuweit, aber dann kam von dort plötzlich kein Geld mehr: Der Abnehmer war verschwunden, die Ware auch, er ging pleite. Seit 2005 ist er hier, auf diesem Bau, vor dem er, wie er sagt, am Anfang etwas Angst hatte; es gingen Gerüchte um unter den Arbeitern, diese in komplexen Computerprozessen berechnete Form könne gar nicht halten.

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