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Canisius-Kolleg : Die Kirche und die Kinder

  • -Aktualisiert am

Das Canisius-Kolleg in Berlin Bild: REUTERS

Die Debatte um das Canisius-Kolleg sollte versachlicht werden. Klar ist: Es gibt keine gewaltfreie Sexualität mit Kindern. Aber Häme über die Katholiken ist ebenfalls fehl am Platz. Es hat sozialpsychologische Gründe, wenn die öffentliche Aufregung alle Grenzen sprengt.

          Sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Geistliche ist ein besonders abscheuliches Verbrechen. Denn ein Priester befindet sich dem Opfer gegenüber in einer Vaterrolle, so dass der Tat etwas Inzestuöses anhaftet.

          Auf diese Weise kann das Grundvertrauen in die Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen verlorengehen, und es darf gerade der Kirche nicht gleichgültig sein, wenn damit auch das Vertrauen in Gott zerstört oder schwer erschüttert wird.

          Nun hat die Deutsche Bischofskonferenz im Jahre 2002 Leitlinien erlassen, nach denen alle Diözesen ein klares Prozedere eingeführt haben. Es wurden Ansprechpartner für Opfer ernannt, Expertengremien eingesetzt, die führenden deutschen Fachleute für Gutachten eingeschaltet. Die Religionszugehörigkeit der Experten spielte dabei keine Rolle. Vor zwei Jahren wandte sich das Erzbistum Köln von sich aus an die Öffentlichkeit, da Anschuldigungen gegen einen verstorbenen Pfarrer bekanntgeworden waren, und bat weitere Opfer, sich zu melden. Mit Erfolg. Auch die engagierte Offenheit der Presse gegenüber, die jetzt der Leiter des Berliner Canisiuskollegs an den Tag legte, entsprach dieser Linie.

          Ein Ersatzobjekt des Protestierens

          Reduziert man das derzeitige aufgeregte Rascheln im deutschen Blätterwald auf seinen Kern, so zeigen die jetzt bekanntgewordenen Altfälle aus den siebziger und achtziger Jahren nur erneut, wie wichtig die vor einigen Jahren getroffenen Maßnahmen sind. Wirkliche Neuigkeiten sind das nicht. Es hat sozialpsychologische Gründe, wenn dennoch die öffentliche Aufregung alle Grenzen sprengt. In unserer „vaterlosen Gesellschaft“, die Alexander Mitscherlich voraussah und in der jeder die normsetzende und in die Geschichte einführende Aufgabe, die Freud dem Vater zuschrieb, weit von sich weist, wächst der katholischen Kirche eine wenig attraktive Rolle zu. Im Vakuum, das die „innere und äußere Abwesenheit der Väter“ hinterlassen hat, laufen Pubertät und Protest ins Leere.

          Die Achtundsechziger hatten im damaligen Bundeskanzler Kiesinger einen Ersatzvater aus dem Bilderbuch. Heute weichen Politiker demoskopiegestützt jedem Protest aus und wären nötigenfalls bereit, sich einer Protestdemonstration gegen sich selber anzuschließen. Auch den Vater Staat gibt es also nicht mehr. Vor allem die obrigkeitsfrommen Deutschen, denen ihre Kaiser und Führer ein für alle Mal abhandengekommen sind, umschleichen diese Leerstelle und haben in der katholischen Kirche ein Ersatzobjekt des Protestierens gefunden. Dass an der Spitze dieser Kirche auch noch Männer stehen und ganz an der Spitze ein Heiliger Vater, erleichtert die Projizierung aller nichtgelebten Vaterkisten, aller nachgeholten Pubertät, allen nicht addressierbaren Protestes auf eine Institution, die sich zu Normen bekennt und ihre historische Identität nicht leugnet.

          Sex ist das Lieblingsthema der Pubertät, und pubertär wirken tatsächlich nicht selten die Debattenbeiträge von sonst ganz erwachsenen Zeitgenossen, wenn es gegen die Kirche geht. Da ist manch einem selbst die alte Machothese „Sex muss sein“ nicht zu schade, um den Zölibat anzugreifen. Vor allem aber eignet sich die katholische Kirche für uns Deutsche bestens dafür, uns von unserer historischen Verantwortung zu dispensieren. Als Papst Johannes Paul II. in Yad Vashem ergreifende Worte fand, die in Israel selbst und auch in Amerika tief beeindruckten, da waren es vor allem Deutsche, die ihm vorwarfen, er hätte sich für den Holocaust klarer entschuldigen müssen. Man stelle sich vor: Der polnische Papst, selbst Opfer deutscher Okkupation, wird von Deutschen aufgefordert, sich für deutsche Schuld heftiger zu entschuldigen! Difficile est satiram non scribere.

          Unverhohlener Missbrauch mit dem Missbrauch

          1970 erklärte der angesehene Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch unwidersprochen bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag: „Ein gesundes Kind in einer intakten Umgebung verarbeitet nichtgewalttätige sexuelle Erlebnisse ohne negative Dauerfolgen.“ Die linke Szene hätschelte die Pädophilen. Bevor sich Jan Carl Raspe in die RAF verabschiedete, pries er 1969 im „Kursbuch“ die Kommune 2, in der Erwachsene Kinder gegen deren Widerstand zu Koitierversuchen brachten. Bei den Grünen gab es 1985 einen Antrag auf Entkriminalisierung von Sex mit Kindern, und noch 1989 erschien im renommierten Deutschen Ärzteverlag ein Buch, das offen für die Erlaubnis von pädosexuellen Kontakten warb. In diesen Zeiten wurde insbesondere die katholische Sexualmoral als repressives Hemmnis für die „Emanzipation der kindlichen Sexualität“ bekämpft.

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