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Canisius-Kolleg : Die Kirche und die Kinder

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Erst Ende der achtziger Jahre haben dann vor allem feministische Beratungsstellen zu Recht klargemacht, dass es keine gewaltfreien sexuellen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Freilich war es dabei nicht immer einfach, zwischen Bagatellisierung und Skandalisierung einen angemessenen Weg zu finden. Dann ergriff die Welle auch die katholische Kirche, und manche ihrer Vertreter verstanden die Welt nicht mehr. Hatten die Pädophilieentkriminalisierer sie gerade noch ob ihrer rigiden unmodernen Moral lächerlich gemacht, sollten sie jetzt plötzlich wegen ihrer Laschheit die eigentlichen Übeltäter sein.

Auch in der derzeitigen Debatte wird gewöhnlich der gesellschaftliche Kontext ausgeblendet und die katholische Kirche isoliert als Sündenbock für all die abseitigen und skandalösen Träume vom Kindersex gebrandmarkt, die in alternativen Kreisen vor vierzig Jahren geträumt wurden. Kirchenkritiker und auch manche Kirchenvertreter ergreifen die willkommene Gelegenheit, ihre üblichen Platten aufzulegen: Die kirchlichen Strukturen, die Sexualmoral, der Zölibat seien schuld. Doch das ist nichts anderes als unverhohlener Missbrauch mit dem Missbrauch, vor allem aber gefährliche Desinformation, die Täter schützt.

Die Kombination von Sakralität, Sexualität und Kindergesichtern

Die Wahrheit ist, dass alle Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Menschen anziehen, die missbräuchlichen Kontakt mit Minderjährigen suchen. Das gilt für Sportvereine, Einrichtungen der Jugendhilfe, und natürlich auch für die Kirchen. Einer der führenden Experten in Deutschland, Hans-Ludwig Kröber, sieht keinerlei Hinweis darauf, dass zölibatäre Lehrer häufiger pädophil seien als andere. Leider hat die Wissenschaft noch keine Screeningmethoden entwickeln können, mit denen man solche Menschen herausfinden kann. Es bleiben also nur die verantwortungsvolle Beobachtung und die schnelle Reaktion bei Auffälligkeiten. Da sind die Strukturen der Kirche sogar hilfreich. Sie kann vernetzter und professioneller reagieren als ein örtlicher Sportverein. Andererseits wird aber über den missbrauchenden Jugendwart in Niederbayern bloß im Lokalteil der örtlichen Zeitung berichtet, handelt es sich aber um den Pfarrer, gibt es bundesweite Schlagzeilen. Zu Recht, weil es ein schwereres Verbrechen ist. So entsteht freilich ein verzerrtes Bild über die Häufigkeit.

Außerdem sorgt die Kombination von Sakralität, Sexualität und Kindergesichtern naturgemäß immer für besondere Aufmerksamkeit. Was immer man schließlich von der katholischen Sexualmoral halten mag, sie war jedenfalls auch in Zeiten der Verharmlosung von Pädophilie für jeden, der sich daran hielt, ein Bollwerk gegen Kindesmissbrauch. Und den Zölibat in diesem Zusammenhang zu nennen ist besonders verantwortungslos. Auf einer Tagung 2003 in Rom erklärten die international führenden Experten – alle nicht katholisch –, es gebe keinerlei Zusammenhang dieses Phänomens mit dem Zölibat.

Von allen guten Geistern verlassen

Freilich gehört der Hinweis auf den Zölibat nicht selten zu den verlogenen Entschuldigungsstrategien der Missbraucher. Das Geschäft der Täter betreibt man, natürlich unbeabsichtigt, auch, wenn man jetzt in „Selbstgeißelungs-Furor“ (Kröber) verfällt und die Karikatur des alten Jesuitenmythos – Geheimnistuerei, intensive „Einzelbearbeitung“ – wiederaufleben lässt und als mögliche Ursache nennt. Natürlich sind alle Eins-zu-eins-Kontakte immer durch Missbraucher instrumentalisierbar. Zehn Prozent der Psychotherapeuten überschreiten irgendwann einmal die Grenze zum Missbrauch. Aber so wenig die Psychotherapie selbst für den Missbrauch verantwortlich ist, so wenig ist es ignatianische Seelsorge – auch an Schülern.

Man muss ohne Scheuklappen die Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen, sichernde und vorbeugende Maßnahmen ergreifen und für Transparenz sorgen. Jeder Bischof, der heute noch auf diesem Feld irgendetwas unter den Teppich kehren wollte, müsste von allen guten Geistern verlassen sein. Uns Deutschen aber ist zu wünschen, dass wir endlich den Mut besitzen, bei diesem ernsten Thema auf die üblichen Projektionen zu verzichten und die lange Zeit betriebene Verharmlosung von sexuellem Kindesmissbrauch in der gesamten Gesellschaft als einen Teil von unser aller Schuld anzunehmen. Ein Beispiel nehmen kann man sich da an Eberhard Schorsch, der sich 1989 von seiner leichtfertigen Aussage von 1970 öffentlich distanzierte.

Manfred Lütz ist Psychiater und Theologe. Seit 1997 leitet er das Alexianer-Krankenhaus in Köln. Zuletzt erschien von ihm „Irre! Wir behandeln die Falschen - Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“ (2009).

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