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Neues Onlinemagazin „Özgürüz“ : Stimme für die Freiheit

Er will Erdogan von Deutschland aus entgegenwirken: Can Dündar. Bild: dpa

Can Dündar war Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Er musste vor Erdogans Verfolgung nach Deutschland fliehen. Im Exil hat er eine neue journalistische Plattform gegründet: „Özgürüz“

          Knapp drei Monate bevor in der Türkei in einem Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems abgestimmt werden soll, das die Legislative, Exekutive und Judikative in der Hand des Staatspräsidenten vereinigen soll, hat der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar zusammen mit dem Recherchezentrum Correctiv das auf Türkisch und Deutsch erscheinende Online-Magazin „Özgürüz“ gestartet. „Dieses Medium soll der heraufziehenden Katastrophe entgegenwirken. Wir müssen hart arbeiten, um sie zu stoppen“, sagte der ehemalige Chefredakteur der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“ am Montag in Berlin.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Ziel des Exil-Mediums ist, den Menschen in der Türkei ungefilterte Nachrichten und investigative Berichte aus der Türkei zukommen zu lassen. Denn aufgrund des rigiden Vorgehens Ankaras gegen die freie Presse haben Fernsehsender und Zeitungen kaum noch die Möglichkeit, kritische Stimmen zu publizieren: Alles, was der Regierung missfällt, wird früher oder später einkassiert, und auch vor dem Internet macht die Zensur nicht halt. „Mit unserem Magazin rufen wir den Menschen in der Türkei zu, dass sie nicht aufgeben sollen“, sagte Dündar. Zudem habe sich „Özgürüz“ zum Ziel gesetzt, der zunehmenden politischen Polarisierung unter Deutschtürken entgegenzuwirken. Denn in den meisten türkischsprachigen Haushalten werden ausschließlich türkische Medien konsumiert.

          Budget für die ersten sechs Wochen

          In Deutschland steht Dündar für diese schwierigen Aufgaben vor allem der prominente türkisch-armenische Journalist Hayko Bagdat redaktionell zur Seite. Wegen seiner kritischen Berichterstattung war auch er ins Fadenkreuz der türkischen Regierung geraten und flüchtete deshalb ins Berliner Exil. Zudem werden in der Türkei lebende Journalisten für das Medium schreiben und Videos drehen. Noch sucht Correctiv Unterstützer, um das Projekt langfristig finanzieren zu können.

          Das Budget, über das „Özgürüz“ zurzeit verfügt, reiche nur für die kommenden sechs Wochen, sagte Dündar. Dass das Medium Montagnacht um 24 Uhr türkischer Zeit online gegangen ist, man „Özgürüz“ unter www.ozguruz.org in der Türkei also erstmals mit Beginn des 24. Januar lesen konnte, hatten er und Bagdat bewusst gewählt. Am 24. Januar 1993 fiel Ugur Mumcu, einer der bekanntesten investigativen Journalisten der Türkei, der für die „Cumhuriyet“ gearbeitet hatte, in Ankara einem Bombenattentat zum Opfer. Die Hintergründe des Verbrechens wurden bis heute nicht geklärt. Mumcu hatte unter anderem über Islamismus, die Kurdenfrage und Korruption geschrieben. Er recherchierte Themen, von denen er wusste, dass er sich damit in Gefahr begibt. Doch er sah sich der Wahrheit verpflichtet. Mit diesem Ethos will auch „Özgürüz“ arbeiten. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Titel des Magazins „Wir sind frei“.

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