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Sklavenhandel und Universität : Erforschung der eigenen Geschichte

  • -Aktualisiert am

Auch die Universität Cambridge gehört nun zu den englischen Hochschulen, die ihre geschichtlichen Verbindungen zum Sklavenhandel überprüfen wollen. Bild: Reuters

Haben englische Colleges vom Sklavenhandel profitiert? Das will die Universität Cambridge herausfinden und forscht, ebenso wie andere Hochschulen des Landes, in den Archiven nach ihrer Rolle im Kolonialismus.

          Die Universität Cambridge hat sich nun auch in den Kreis jener Institutionen eingereiht, die ihre Verbindungen zum Sklavenhandel prüfen wollen. Rektor Stephen Troope hat ein zweijähriges Forschungsprojekt angekündigt, das aufdecken soll, ob die achthundert Jahre alte Hochschule durch Schenkungen vom atlantischen Sklavenhandel und anderen Formen der Zwangsarbeit in der Kolonialzeit profitiert hat und inwiefern ihre Akademiker „dazu beigetragen haben, die öffentliche und politische Meinung zu prägen, indem sie rassische Einstellungen unterstützt, bekräftigt und gelegentlich angefochten haben“. Zwei in Vollzeit beschäftigte Postdoktoranden am Zentrum für afrikanische Studien werden die Archive der Universität, der Fakultäten und des Fitzwilliam Museum durchforsten und im Herbst 2021 einen Bericht vorlegen. Es bleibt den einunddreißig unabhängigen Colleges überlassen, ob sie eigene Forschungen betreiben wollen, wie sie das St John’s College in Oxford unlängst mit einer ähnlichen Initiative für sich beschlossen hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Initiative rief prompt Protest von mehr als zweihundert Unterzeichnern eines offenen Briefs hervor. Darin schreiben sie, dass die „rassischen Ungleichheiten bei der Zulassung von Studenten, bei der akademischen Leistung und der Weiterentwicklung auf dem Arbeitsmarkt sowie bei der Forschung“ nur beseitigt werden könnten, wenn sämtliche Colleges ihre Archive öffneten und sich dem Dialog über das Vermächtnis der Sklaverei verpflichteten. In diesem Sinne forderte ein Bericht der Rektorenorganisation Universities UK, die sich als Stimme der Hochschulen beschreibt, die „Entkolonialisierung“ des Lehrplans, um allen den Minderheiten angehörenden Studenten zu ermöglichen, die Leistungskluft zu schließen.

          Eine von mehreren Rassengleichheits-Initiativen

          In Cambridge ist vorgesehen, dass eine Beratergruppe von acht Akademikern unter Vorsitz von Martin Milett, Professor der klassischen Archäologie, anhand des Berichts „angemessene Wege“ der öffentlichen Anerkennung solcher Verbindungen und deren heutiger Auswirkungen empfiehlt. Dabei stellt sich die Frage, welche Form die Anerkennung nehmen soll oder kann und welchem Zweck sie dient, zumal es, wie der Cambridge-Historiker Robert Tombs einwendet, der Studie nicht bedürfe, um zu behaupten, dass die Universität wie jede große Institution in ehemaligen Kolonialmächten von der Sklaverei profitiert habe. Das bedeute, so Tombs, dass, sofern Entschuldigungen geboten seien, sehr viele Menschen dafür in Frage kämen, „einschließlich der Nachfolger afrikanischer Herrscher und Händler, die zu den größten Gewinnlern zählten“. Die Universität wollte sich auf eine Wiedergutmachung bislang nicht festlegen.

          Rektor Troope sagte, die Vergangenheit könne nicht verändert werden, doch solle man sich auch nicht vor ihr verstecken. Er äußerte die Hoffnung, dass dieser Prozess „der Universität helfen wird, ihre Rolle während dieser dunklen Phase der Menschheitsgeschichte zu begreifen und anzuerkennen“. In der offiziellen Verlautbarung der Universität steht, dass dieses Projekt „im Zusammenhang eines breiteren Nachdenkens in den Vereinigten Staaten und Britannien über die Verbindungen zwischen den Universitäten und dem Sklavenhandel“ stehe. Es sei eine von mehreren Rassengleichheits-Initiativen, die zurzeit von der Universität ergriffen würden.

          In diesem Zusammenhang ist auch die Entlassung des umstrittenen Sozialwissenschaftlers Noah Carl zu sehen, nachdem eine Untersuchung befand, dass die Veröffentlichungen des Forschungsstipendiaten des St Edmund’s College „den etablierten Kriterien der Forschungsethik und der Integrität“ nicht entsprächen. Ihm wird vorgeworfen, Zusammenhänge zwischen Rasse, Genen, Intelligenz und Kriminalität hergestellt und sich im Zuge seiner „problematischen“ Arbeit – seine Kritiker nennen dies „pseudowissenschaftlichen Rassismus“ – mit rechten Extremisten eingelassen zu haben. Carl, der argumentiert, dass es schädlich sei, die Debatte über tabuisierte Fragen zu unterbinden und die Wahrheit der Moral zu opfern, soll „rassistische, xenophobe, faschistische und einwandererfeindliche Rhetorik“ verbreitet haben. Während des Einstellungsverfahrens war bei seiner Bewerbung nichts Anstößiges aufgefallen. Sein College hat sich jetzt für den „Schmerz“ entschuldigt, der durch seine Aufnahme als Forschungsstipendiat entstanden sei.

          Der Fall bestärkt die Wahrnehmung, dass konservative Akademiker wie Carl oder der Oxforder Moraltheologe Nigel Bigger, dessen Weigerung, nur die Übel des Empire hervorzuheben, große Empörung hervorruft, es zunehmend schwer haben in der vorwiegend linksgerichteten akademischen Welt, in der die Hochschulen sich mit demonstrativen Zurschaustellungen von Tugend und Moral überbieten. Robert Tombs ist nicht der Einzige, der darauf hinweist, dass Cambridge auch Figuren wie William Wilberforce hervorgebracht hat, die an der Spitze der Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei standen. Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Geschichte auf die Moderne plädierte Tombs dafür, mehr Stipendien für afrokaribische Studenten einzurichten oder die in Cambridge unterrepräsentierte englische Arbeiterschicht zu unterstützen, deren Vorfahren, viele davon Leibeigene, in viel größerer Zahl ausgebeutet worden seien zum Vorteil der achthundert Jahre alten Universität als die Sklaven auf den Plantagen.

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