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Leben ohne Filterblase : Bye Bye Bubble

Seifenblasen in Berlin Bild: Julia Zimmermann

In einer Filterblase ist es im Netz gemütlicher – alle sind einer Meinung. Statt Argumenten und Diskussionen wohnen in ihr aber auch Stigmatisierung, Denunziation und viele Selbstgespräche. Wird das Leben ohne Online-Blase besser?

          4 Min.

          Ein Sommertag, das iPhone leuchtet kraftlos gegen die grelle Sonne an, und auf dem Display dieses Bild: Obama lächelt, wie Obama lächelt, und neben ihm steht eine Frau, sie lächelt auch, heißt Rashida Tlaib, ist Abgeordnete der Demokratischen Partei Amerikas. In weißer Schrift stehen auf dem Bild fünf Worte: „No comment. God bless Trump.“ Ein Schreck, fast fällt einem das Handy aus der Hand. Denn dieses Bild ist da, wo es nicht sein darf: auf Facebook, dem eigenen kleinen, großen Internet, das man sich selber baut so wie ein Haus, mit Menschen vollstellt, denen man zuhören, zusehen will, und mit den Meinungen, die man selbst meint.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Deshalb ist das Bild vielleicht doch nicht vollkommen falsch da, wo es ist. Weil es ein Mensch ins Internet geschickt hat, ein „Freund“, so heißen sie auf Facebook, der eigentlich wie ich der Meinung ist, dass man über den Power-Hass auf Israel der sogenannten Squad, zu der Tlaib neben Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Alexandra Ocasio-Cortez gehört, mal sprechen sollte. Doch das ist nicht das Thema. Denn dies ist die Geschichte einer Bubble. Und die Geschichte vom Verlassen dieser Bubble, vom Sich-selbst-Auflösen vielleicht.

          Ja, „Filterblase“ ist ein Horrorwort, klingt grausam, und sie soll auch gefährlich sein. Das sagt zumindest immer wieder irgendein Politiker in eine Kamera hinein. Natürlich geht es meistens dann um einen rechten Kosmos. Was aber, wenn man selbst nicht rechts ist? Hat man dann kein Problem und keine Bubble? Doch, klar.

          Und es kann schön sein und gemütlich in einer abgeschotteten und kleinen Www-Welt. So war es auch in meiner. Am Anfang und auf Facebook und nur da. Denn das Talent für Insta-Storys, Insta-Fotos und das alles zu twittern war zu klein. Die Timeline unterm blauen Banner war online das Zuhause. Mit „Freunden“, denen dieselben Sachen auffielen und gefielen. Mit Seiten und mit Gruppen, die einen informierten. Alles war da, alles bedient: Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit, Bestätigung und Neugier. Klar, ist das nichts, was nur im Internet geschieht: Auch in der Wirklichkeit sucht man sich Orte aus mit Menschen, die so sind wie man selbst. Als Frau im Nerz geht man auch nicht in ein veganes Restaurant oder als Vegetarier zur Messe der Fleischwirtschaft und so weiter.

          Oft war es besser in der Bubble als in der Wirklichkeit

          Der Internetaktivist Eli Pariser machte aus Online-Blasen eine Theorie, und sie ging so: Es seien Algorithmen, die dafür sorgten, dass Menschen nur die Informationen im Internet bekämen, die ihren Vorlieben entsprächen, sie damit aber beschränkten, entmündigten. Das war 2011.

          Im Jetzt, in meiner Blase, spielte der böse Algorithmus keine Rolle, denn es waren eigene Entscheidungen, in Gruppen einzutreten und Freunde anzunehmen und Seiten zu verfolgen. Und irgendwann waren auf dem Display immer mehr Bilder, Texte, Sätze zu einem bestimmten Thema: zum Judenhass. Vielleicht weil ich den Hass im echten Leben sah, vielleicht auch aus ganz anderen Gründen, drückte ich auf Gefällt-mir-Buttons von Menschen und von Seiten, die gegen Judenhasser waren. Und so war jeder Morgen ähnlich: Ernste, aufrichtige Antisemiten-Jäger schrieben in die Timeline Tag für Tag, wer wieder einmal antisemitisch war, wo wieder einmal ein Jude angegriffen wurde, wie wieder einmal gelogen wurde über Israel.

          Dass meine Bubble eine Bubble war, das zeigten die Gesprächen mit echten Freunden in der echten Welt, die nicht das wussten, was Facebook-„Freunde“ alles wussten. Das wiederum störte mich manchmal an den analogen Freunden, weil sie halbblind auf die Welt schauten, dachte ich. Ja, oft war es besser in der Bubble als in der Wirklichkeit, weil alle informiert waren, aufmerksam, genau.

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