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Corona-Verhütung in Moskau : Buße für Jesus

  • -Aktualisiert am

Geistlicher Virenschutz: Patriarch Kirill umrundet Moskau in Begleitung einer wundertätigen Gottesmutter-Ikone, die die Stadt vor dem Corona-Virus bewahren soll. Bild: AP

Gerade erst hatte der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kirill, in seinem gepanzerten Mercedes Moskau umrundet, angeblich, um die Stadt vor dem Corona-Virus zu schützen. Da wurde an einem ominösen Ort der Hauptstadt ein Mann namens Jesus festgenommen.

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          Die Patriarchenteiche im Zentrum Moskaus sind ein magischer Ort, seit in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ dort der leibhaftige Teufel erschien und die Hauptstadtbewohner durch seine hellseherischen Fähigkeiten frappierte. In diesen Tagen wurde dortselbst ein Mann namens Jesus (russisch: Isus) festgenommen, weil er in Zeiten der Corona-Eindämmung seinen Hund Plato zwar wie vorgeschrieben in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung spazieren führte, dabei aber die abgesperrte Grünanlage bei den Teichen betrat. Der Vorfall wurde gefilmt und war gleich im Internet zu sehen.

          Jesus, der auf den Nachnamen Worobjow hört, fühlte sich, wie er den Polizisten erklärte, im Recht, weil auf dem Gelände Bauarbeiter aktiv waren und Anwohner auf Parkbänken saßen. Als die Ordnungshüter ihn dennoch abführen wollten, bat Jesus Worobjow, wenigstens seinen Hund nach Hause bringen oder einer Passantin übergeben zu dürfen; doch die Beamten drehten ihm die Arme auf den Rücken, schoben ihn in ihren Minibus und ließen das aufgeregt bellende Tier zurück. Dieser Jesus, der seinen Häschern deftige Widerworte gab, prophezeite gegenüber dem Nachrichtenportal Meduza sogleich, er werde sicher nicht straflos davonkommen. Nun muss er tatsächlich ein Bußgeld von umgerechnet dreizehn Euro entrichten.

          Beobachter des Zwischenfalls spüren einen Zusammenhang mit der magischen Umrundung der Stadt, die tags zuvor der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kirill, in seiner gepanzerten Mercedes-Limousine unternommen hatte. Der in die geistliche Schutzkleidung eines goldbestickten Ornats gehüllte Kirill hatte bei seiner von der Polizei mit Blaulicht eskortierten „Prozession“ eine wundertätige Muttergottes-Ikone dabei, die Moskau vor dem Coronavirus schützen soll – was manche an den sagenhaften Rundflug einer Militärmaschine im Dezember 1941 über Moskau denken ließ, der nach Ansicht konservativer Christen und Militärs die Hauptstadt der Sowjetunion vor den deutschen Angreifern rettete, weil eine Ikone an Bord war.

          Doch da der Kreml Corona-Schutzausrüstung, die einheimische Krankenhäuser dringend benötigt hätten, nach Amerika verkauft hat, wirkte die Fahrt des putingetreuen Kirchenoberhaupts auf viele hexenhafter als der Rundflug von Bulgakows Romanheldin Margarita über Moskau. Und als nach der Festnahme des Spaziergängers mit dem ominösen Namen die Kirche drei Corona-infizierte Priester melden musste, erschien das wie ein Himmelszeichen. Glücklicherweise ging der Zwischenfall an den Patriarchenteichen glimpflich aus. Plato fand allein den Weg nach Hause. Jesus Worobjow will den klugen Rüden auch künftig zu den Teichen führen – und forderte andere Hundehalter auf, es ihm gleichzutun, sicherheitshalber zu mehreren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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