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Bush, Irak und Vietnam : Der Rest steht in den Sternen

Am Boden gescheitert - erfolgreich am Himmel? Bild: AP

Das letzte semantische Tabu ist gefallen: George W. Bush akzeptiert es auf Nachfrage, die Lage im Irak mit dem nationalen Trauma Vietnam zu vergleichen. Im selben Atemzug aber greift er ins All.

          Jetzt ist auch noch das letzte semantische Tabu gefallen: Bush hat den Vergleich des Desasters im Irak mit dem nationalen Trauma Vietnam akzeptiert. Er tat es, indem er auf Nachfrage eines Fernsehjournalisten von „ABC news“ einem Kolumnisten der „New York Times“ recht gab, welcher die Lage im Irak mit einer Chiffre fürs Vietnam-Desaster - der Tet-Offensive im Januar 1968 - verglichen hatte. „Er könnte recht haben“, sagte Bush.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Drastischer hätte er dem Irak-Unternehmen den Totenschein nicht ausstellen können. Nicht der Gehalt der Einlassung ist unbedingt neu, wohl aber ihre metaphorische Unüberbietbarkeit. Man muß sich das vorstellen: Der Vietnam-Vergleich ist jetzt nicht länger Hetze notorischer Bush-Kritiker. Er ist nicht länger ein Ausweis antiamerikanischer Gesinnung. Er ist die regierungsamtlich autorisierte Beschreibung der Lage im Irak. Zugleich hat eine andere journalistische Nachfrage, diesmal die der „Washington Post“, Bush in seinem Anspruch als uneingeschränkter Hüter des Weltalls bekräftigt, den er zunächst unbemerkt in einem Regierungsdokument erneuert hatte. Damit gilt jetzt autoritativ das Sinnbild: Der Präsident lebt auf einem anderen Stern. Welch eine Optik: Im selben Atemzug, in dem Bush seine Landnahme im Irak für gescheitert erklärt, greift er nach den Sternen, greift er ins All. Nach dem Motto: Was wir am Boden nicht hinbekommen, soll uns im Weltraum gelingen.

          Die Überschätzung des „space-Faktors“

          Amerika werde sich allen Regelungen widersetzen, die „den Zugang der Vereinigten Staaten zum Weltall verhindern oder einschränken“, heißt es in dem Papier zur „Space-Politik“, das freilich in der Sache weniger überraschend ist als in der medialen Koinzidenz mit dem dramatischen Eingeständnis der Irak-Niederlage. Ironischerweise hat ja gerade der jüngste Irak-Krieg gezeigt, wie wenig die Kapazitäten des Weltraums am Boden ausrichten können.

          Die Unfähigkeit, den Irak zu befrieden, hängt mit der Überschätzung des seit „desert storm“ Anfang der neunziger Jahre hochgehaltenen „space-Faktors“ ursächlich zusammen: mit der satellitengestützten Kommunikation und Navigation, von der man alles zu erwarten schien. Nun macht Bush es offiziell: Mein Griff nach dem Irak war ein Griff nach den Sternen. Ich habe im Irak das Vietnam-Trauma aufleben lassen, weil ich dort - satellitengestützter denn je - wie auf einem fremden Stern einzog.

          Das Zusammentreffen zweier Aufmerksamkeiten, zweier journalistischer Nachfragen, hat dafür gesorgt, daß Bush der Nomos-Frage Carl Schmitts nun seinen eigenen verschraubten Dreh gegeben hat. Auch Bush geht es um die traditionelle imperiale Frage nach dem „Nomos“, nach der „Nahme“ von Elementen wie Erde, Wasser, Luft. Es geht, versteht man den Präsidenten mit seiner doppelten Einlassung - Vietnam und Weltall - richtig, um eine Umschichtung der Machtansprüche von der Erde ins All, um einen planetarischen Machtausgleich von unten nach oben.

          Eine phantastische Idee

          Aber ist das eine Rechnung, die aufgeht? Das Desaster im Irak war ja gerade weltraumgesteuert. Als sei nichts gewesen, sagt ein Sprecher Bushs, das amerikanische Militär sei zunehmend auf satellitengestützte Kommunikation und Navigation angewiesen, deshalb erhebe man das Monopol im Weltraum. Was nutzt indes eine Macht im Himmel, wenn sie auf Erden die Niederlage beschleunigt?

          Vielleicht hatte Bush ja nur noch einmal eine phantastische Idee gehabt. Die Idee lautet: Wir wollen jetzt, als letzte Etappe unseres Rückzugsgefechts, wieder anfangen, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Mit unserem doppelten Medienauftritt - in „ABC news“ und in der „Washington Post“ - beenden wir die regierungsamtliche Roßtäuscherei, färben nicht weiter schön, sagen der verduzten Weltöffentlichkeit: Es war alles nichts, es war wie Vietnam. Und fügen hinzu: der Rest der Geschichte steht in den Sternen.

          Die Chronik einer fast vergessenen Meldung

          Bereits am 31. August hat George W. Bush die neue Weltraum-Doktrin unterzeichnet. Mehr versteckt als veröffentlicht wurde sie Wochen später unter dem Titel „U.S. National Space Policy“ auf der Internetseite des Wissenschaftsbüros im Weißen Haus, am Nachmittag des 6. Oktober, dem Freitag am Beginn eines durch den „Columbus Day“ am Montag verlängerten Wochenendes. Obwohl noch am selben Freitag die Internetseite spaceref.com, unter Weltrauminteressierten viel genutzt, auf die Bush-Doktrin verwies, gelangte sie an die breite Öffentlichkeit erst zwölf Tage später durch einen ersten Artikel in der „Washington Post“. Daraufhin erschienen Berichte weltweit. ( till.)

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