https://www.faz.net/-gqz-9vaar

Untergang in der Feuerbrunst : Das Vergehen der Arten

  • -Aktualisiert am

Ein Känguru während der Buschfeuer im Flinder Chase National Park auf Kangaroo Island Bild: dpa

Sind die gewaltigen Feuer, die Australien heimsuchen, einzig eine Naturkatastrophe? Oder verglüht dort auch die alte Unterscheidung von Natur und Kultur?

          7 Min.

          Mit den um die Welt geschickten Bildern von einem durch das Feuer skulptural erstarrten und verkohlten Känguru und einem von Helfern in einer Decke geretteten und mit einer Wasserflasche versorgten Koala haben die seit Oktober wütenden Buschbrände in Australien ihre Ikonen gefunden. Wie es überhaupt auffällig ist, dass die tierischen Opfer der Brände in der Berichterstattung genauso prominent behandelt werden wie die menschlichen.

          Vor ein paar Tagen kursierten Schätzungen, wonach allein im Bundesstaat New South Wales 480 Millionen Tiere in den Flammen umgekommen seien. Inzwischen wird die Zahl für ganz Australien auf 1,25 Milliarden Tiere geschätzt. Wobei alle Forscher betonen, dass diese Schätzungen kleinere Tiere wie Frösche und Insekten nicht berücksichtigten. Die Zahlen sind also eher zu gering als übertrieben – selbst wenn man einkalkuliere, dass große Tiere wie Kängurus oder Emus und viele Vögel vor dem Feuer weglaufen oder wegfliegen könnten, wie der Ökologe Christopher Dickman von der Universität Sydney der BBC sagte.

          Unabhängig aber von solchen Schätzungen, deren Zahlen immer problematisch sind, macht die Aufmerksamkeit für die Tiere den Unterschied zu den kaum weniger verheerenden Bränden des Sommers in Südamerika und Sibirien aus. Das hat sicher einen Grund in der Unvergleichlichkeit vieler Tiere Australiens. Und wenn die dann auch noch, wie die Koalas, nicht nur aus weichem Fell und kleinen Augen zu bestehen scheinen und, im Unterschied zu Eis- und Braunbären, wirklich friedlich sind: Dann sind die Sympathien und Identifikationen der Menschen gewissermaßen programmiert.

          Australien ist kein Einzelfall

          Dabei ging es den auf Bäumen lebenden, bewegungsarmen Tieren schon vor den Bränden nicht gut. Ihre Bestände sind in den vergangenen vierzig Jahren um dreißig Prozent geschrumpft, was auch mit der Zerstörung der Eukalyptuswälder zu tun hat, von denen sich Koalas ausschließlich ernähren. Nach den Feuern wird es nicht besser werden für die Tiere – es sind die Eukalyptusbäume, die aufgrund der in ihnen gebundenen Öle besonders gut brennen. Für kleinere Beuteltiere wie Beutelratten und Beutelmäuse, deren Bestand sich in den vergangenen Jahren konsequent dem endgültigen Verschwinden näherte, wird es nach den Bränden kaum noch Überlebensaussichten geben.

          Das alles macht Australien aber nicht zu einem Einzelfall, wie man, zum Beispiel, von dem gerade erschienenen Buch „Das Ende der Evolution: Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ des Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht lernen kann. Glaubrecht, Professor für Biodiversität am „Centrum für Naturkunde“ der Universität Hamburg, trägt darin auf mehr als tausend Seiten den Stand des Artensterbens in Zahlen und Analysen so zusammen, dass man das Buch besser nur im stabilen Gemütszustand zur Kenntnis nimmt. Australien wird im Prozess des Artensterbens paradigmatisch, weil die dort vernichteten Lebensformen dann für immer verschwunden sein werden. Und was ausgestorben ist, das kommt nicht mehr wieder – was nicht nur für die Beuteltiere, sondern auch für die einzigartige Schlangen- und Spinnenfauna des Kontinents gilt. Die einmalige, von größeren Landmassen wie denen Eurasiens, Afrikas und Amerikas geschiedene Lage macht den Kontinent zu einem exemplarischen Fall in der Auseinandersetzung von Kultur und Natur.

          Denn auch wenn niemand mehr sagen kann, wo genau bei Phänomenen wie dem Klimawandel die Natur anfängt und die Kultur aufhört, hält sich hartnäckig eine Vorstellung von der Natur als dem schicksalhaft Gegebenem. Der Natur kann man zwar deren Reichtümer wie Kohle, Uran und Öl entnehmen, mit ihren Launen wird man aber weiter leben müssen. Da hilft nur: Rette sich wer kann!

          Weitere Themen

          Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor Video-Seite öffnen

          Berlinale : Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor

          Dank der Dokumentation durch den Fotografen W. Eugene Smith in den 70er Jahren, gespielt von Johnny Depp, konnten die Verantwortlichen einer Massenvergiftung in Japan vor Gericht gestellt werden.

          Topmeldungen

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.