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Untergang in der Feuerbrunst : Das Vergehen der Arten

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Entscheidend ist im Zusammenhang der Buschfeuer aber die Tatsache, dass die Aborigines nie auf die Idee kommen würden, Feuer solchen Ausmaßes hätten nichts mit ihnen zu tun. Es gibt einen Punkt an der These des Premierministers, es handele sich bei den Buschbränden um eine Naturkatastrophe, der scheinbar unabweisbar ist: Busch- und Waldbrände wüten in Australien, seit es dort Büsche und Wälder gibt. Ihre ökologische Notwendigkeit kann man schon daran sehen, dass viele Pflanzen in dem sonnenausgesetzten und trockenen Land ihre Samen mit besonders harten Schalen gegen die Witterung schützen. Und viele Schalen solcher Samen können nur durch Feuer undBrände aufgebrochen werden. Das ist ein Phänomen, das Botaniker von Südafrika bis Mexiko aus sonnenexponierten und trockenen Gegenden kennen. Nur brechen solche Wildfeuer meistens lokal und zeitlich versetzt aus. Großbrände, die über Wochen ganze Landstriche verwüsten, wie es gerade geschieht, bilden sie nie. Für die Pflanzensamen wäre das auch nicht hilfreich, weil solche Feuer nicht nur die Schale aufbrechen – sie vernichten sie ganz.

Brände als Werkzeug

Die Aborigenes kannten diese Wirkungen des Feuers und setzten es schon immer für ihre Zwecke ein. Das heißt natürlich auch, dass Buschbrände in Australien immer ein Kulturwerkzeug waren, das eingesetzt wurde, um gewünschte Effekte bei Pflanzen und Tieren zu erzeugen. Die Wild- und Kulturfeuer blieben aber zeitlich und räumlich begrenzt, und selbst wenn sie großflächig ausuferten, ließen sie sogenannte vom Brand unberührte „Inseln“ zurück, in die Tiere und Menschen fliehen konnten. Und – um einen großen Unterschied zu den aktuellen Bränden zu betonen – sie begannen immer erst mit dem australischen Sommer im Dezember. Das sie jetzt schon zwei Monate vorher angefangen haben ist, genauso neu wie das Ausmaß der Brände, die sich zudem in dichtbesiedelten Regionen Australien ausbreiten und nicht im schon immer menschenleeren Outback.

Dafür lässt sich eine ganze Reihe von Gründen benennen. Neben den in Australien besonders wirksamen menschengemachten Klimawandel sind es weitreichende Veränderungen der Landschaft durch invasive, von den Europäern eingeschleppte Arten wie Kaninchen, echte Ratte und die Riesenkröte, die nicht nur den Boden untergraben und die Wiesen leer fressen, sondern auch die Artenvielfalt verringern. Was letztlich dazu führt, dass die Regeneration von Fauna und Flora auch nach normalen Bränden sich verzögert. Wenn Ökologen jetzt feststellen, dass es bis zu vierzig Jahre dauern kann, bis die Lebensräume sich vom jetzigen Feuer erholen, beziehen sie sich auf Erfahrungswerte aus vergangenen Feuerperioden, die nur bedingt zum Vergleich taugen. Denn die fortgesetzte Zersiedlung der Landschaft und die effektive Ausbeutung des Bodens durch die moderne Landwirtschaftstechnik sind in der Geschichte des australischen Ackers ohne Beispiel.

Eine Tatsache, die viele Biologen auch berücksichtigen, wenn sie sich jetzt zu den Folgen der Brände äußern. Denn solange die Feuer noch wüten, kann niemand sagen, wie viele Fluchtinseln überhaupt die Brände überstanden haben. Und damit kommt eine zweite Ungewissheit in den Blick. Nämlich die Unmöglichkeit, die australische Situation mit gut dokumentierten Großbränden der Geschichte wie den Feuern im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark im Jahr 1988 zu vergleichen. Die Brände damals, die als zahlreiche kleinere Einzelfeuer begannen und mit zunehmendem Wind und zunehmender Trockenheit in einem nicht mehr kontrollierbaren Großfeuer endeten, das große Teile des Parks vernichtete, erwiesen sich auf lange Sicht für den Nationalpark als Erneuerung von Fauna und Flora. Eine Folge, die aber auch damit zusammenhing, dass genügend Tiere und Pflanzen in vom Feuer unbehelligten Parkgebieten überleben konnten, die dann die sich regenerierenden Wiesen du Wälder mit enormen Tempo wiederbesiedelten.

Eine Aussicht, auf die in Australien bis jetzt nichts hinweist. Was man aber lernen kann, ist, dass man mit den Feuern wird leben müssen und das es in Australien bereits Kulturen gibt, die Erfahrung mit dem vorausschauenden Umgang mit Feuer haben. Sie ernst zu nehmen, wird aber nur möglich sein, wenn man sich von dem engen Natur- und Kulturbegriff verabschiedet, den nicht nur der australische Premierminister vertritt.

Denn wenn die Brände, deren Ende noch nicht abzusehen ist, aufhören, werden die Wälder nicht mehr dieselben sein, der Boden wird weiter erodiert sein und die Steppenbildung voranschreiten. Und in Steppen entfaltet Asche, an sich ein fruchtbares Gut, kein neues Grün, sondern nur andauernde Ödnis.

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