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Untergang in der Feuerbrunst : Das Vergehen der Arten

  • -Aktualisiert am

Natur lässt sich nicht ohne Kultur denken

Dass das Eine, die Ausbeutung der Natur, eventuell mit dem Anderen, den Launen, zusammenhängt, kommt den herrschenden Konzepten von Natur und Kultur nicht in den Blick. Dass aber in den Flammen der Buschfeuer nicht nur Menschen, Tiere, Pflanzen und unzählbar viele Mikroben sterben, sondern dass hier auch die Trennung von Kultur und Natur verbrennt, das müsste endlich zur Kenntnis genommen werden.

Koala „Frizzle“ wird im Port Macquarie Koala Hospital behandelt

Der australische Premierminister Scott Morrison, der seine Unempfindlichkeit gegenüber den Feuern zur Schau stellte, als er kurz vor Weihnachten, als das bevölkerungsreichste Bundesland New South Wales den Notstand ausgerufen hatte, mit seiner Familie in den Urlaub nach Hawaii flog, vertritt einen Naturbegriff, den als überholt zu bezeichnen sich schon deshalb verbietet, weil dessen Folgen so schrecklich für die Natur sind: Wenn Morrison immer wieder betont, es handele sich bei den Bränden um eine Naturkatastrophe und nicht um Folgen des menschengemachten Klimawandels, dann arbeitet er genau mit diesem Naturbegriff an der Zerstörung der Natur. Denn die Natur Australiens ist ohne Kultur seit der Besiedlung des Landes durch Menschen überhaupt nicht zu denken.

Menschengemachte Erde

Man muss dafür gar nicht auf einen neueren Begriff wie den des Anthropozäns, des Menschenerdzeitalters zurückgehen, obwohl ein Blick auf den Anthropozänbegriff nicht schaden kann. Geologen um den Atmosphärenforscher Paul Crutzen hatten ums Jahr 2000 herum den Begriff eingeführt, um darauf hinzuweisen, dass selbst die festen Bestandteile der Erde wie die Erdkruste und der Meeresboden nicht mehr zu beschreiben sind ohne deren menschengemachte Anteile, von denen das Plastik nur das am deutlichsten sichtbare ist. Dass es also schon die harten, nur sehr langsam von Wind und Wetter veränderten Teile der Erde nicht mehr ohne menschliche Eingriffe gibt.

Dass es das Anthropozän so schwer hatte und bei manchen Menschen noch hat, hängt damit zusammen, dass sich der herkömmliche menschliche Kulturbegriff in seiner strengen (um nicht zu sagen: kreationistischen) Form jeden Naturanteil verbittet.

Schimpansenforscher wie Christophe Boesch, der als Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitet, können ein Lied davon singen. Boesch, der sein Forscherleben dem Nachweis verschiedener Kulturen in verschiedenen Schimpansenpopulationen widmet, hat lange gebraucht, bis er drei Schimpansengruppen unter genau gleichen ökologischen Bedingungen fand, die unterschiedliche Kulturen entwickelt haben. Kultur, das war damit bewiesen, ist nicht nur den Menschen vorbehalten.

Kulturlandschaften der Aborigines

In Australien aber gab es - und gibt es in Relikten immer noch - Kulturen, die sich von Anfang an als Teil des ökologischen Gefüges verstanden haben. Als die Aborigines in den siebziger Jahren begannen, sich gegen die Ausweisung ihrer Wander- und Wohngebiete als Naturschutzreservate zu wehren, war das ein Ausdruck ihres Natur-Kulturverständnisses. Ihre Argumentation ging in die Richtung, dass die Gegenden durch die sie jahrtausendelang gewandert waren, in denen sie gejagt und Feuer gelegt hatten, eben nicht die von Kultur unberührten Landschaften waren, die der westliche Naturbegriff in seine Schutzgebieten auslagern will. Natürlich wussten die Aborigenes auch, dass ihnen selbst der Zugang zu solchen Naturschutzgebieten verboten worden wäre.

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