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Burn-Out-Syndrom : Gib mir mehr

Das Gute an sich ziehen, das Schlechte von sich wegstoßen: Burn-Out-Patient Martin Preuss findet in der Integrativen Bewegungstherapie sein Gleichgewicht wieder. Bild: Daniel Pilar

Er war Manager in einem großen Unternehmen. Nachdem er sechs Wochen wegen eines Burn-Out-Syndroms in der Klinik war, kehrt er an seinen Schreibtisch zurück.

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          Am zehnten Tag in der Klinik kehrt bei Martin Preuss die Schlaflosigkeit zurück. Er grübelt wieder: Über die Mail des Headhunters, der ihm einen reizvollen Job angeboten hat. Über seinen Sohn, der seit seiner Abreise schlechter schläft. Und dann wächst in ihm auch die Wut auf seinen Arbeitgeber. Dass der ihn in den Burn-Out getrieben hat und er nun in dieser Klinik sitzt als einzigem Ausweg.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Preuss ist ein nüchterner Typ. Mit seinem schlanken, straffen Körper sieht er fitter aus als andere Mittvierziger. Dabei hat er das Joggen in den vergangenen zwei Jahren nahezu eingestellt. Wenn er über seine Gefühle redet, was in der Klinik zwangsläufig geschieht, hat er denselben Tonfall, als spräche er über eine neue Produktlinie: Knapp, analytisch, auf den Punkt. Manchmal aber sind seine Sätze so kurzatmig, dass sie neben seinen merkwürdig matten Augen am ehesten Aufschluss darüber geben, was ihn in die Klinik gebracht hat. Martin Preuss, der nur in dieser Geschichte diesen Namen trägt, war Marketingmanager in einem Dax-Unternehmen. Das heißt, er ist es immer noch. Aber jetzt ist er erst einmal hier.

          Über der Schön Klinik in Bad Arolsen ziehen Schwalben Kreise vor der weißen Rotunde, dem zentralen Abschnitt des vierstöckigen Gebäudes. Sieht man nicht genau hin, könnte man den Bau für ein Raumschiff mit runder Kommandozentrale und eckigem Seitenschiff halten. Inzwischen findet Preuss sich zurecht auf den hellen Gängen des noch jungen Krankenhauses. Vor dreieinhalb Jahren eröffnet, kommt das Innere einem Hotel näher als der Idee einer Klapse, die Spielfilme wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ prägten. Nirgends gibt es Tablettwagen mit Nierenschalen. Auf den Türschildern sind die Namen der Patienten montiert, falls sie zuvor zugestimmt haben. Denn die meisten bleiben länger: sechs Wochen oder zwei Monate. Die jungen Frauen mit Essstörungen, die Angstgestörten, die Depressiven, die Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen - sie sollen hier wieder auf stabilere Bahnen zurückgelenkt werden. Auch Martin Preuss erhofft sich, seine innere Mitte wieder zu finden.

          Es ist ein sonniger Julitag. Vor eineinhalb Wochen ist er nach einer hastigen Fluchtaktion eingetroffen. Der drastische Schritt, verbunden mit der Lüge einer langen Geschäftsreise gegenüber seinem kleinen Sohn, schien ihm der einzige Ausweg. Denn eigentlich war ihm schon vor zweieinhalb Jahren klar, dass er die Belastung nicht mehr meistern konnte.

          „Die Geschichte fing damit an, dass aus einem Job zwei wurden“, sagt er rückblickend. Ein Kollege war ausgeschieden, Preuss bekam dessen Tätigkeit zusätzlich aufgebrummt. Das bedeutete mehr Verantwortung. Ein neues Produkt sollte auf den Markt gebracht werden. Preuss ist bei seinem Wunscharbeitgeber beschäftigt. Er legte sich ins Zeug, erbte fremde Projekte, bald reichte die Zeit im Büro nicht mehr aus, um die Arbeit zu schaffen.

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