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Politiker im Fernsehen : Parcours

Da waren die Fragen, so schien es, sogar halbwegs echt: Annalena Baerbock in der Sat.1-Sendung „Kannste Kanzleramt?“ Bild: dpa

Nach der Wahl wird klar: Die Kanzlerkandidaten mussten sich vor den Kameras in allen möglichen Disziplinen beweisen. Mit Politik hatte das oft weniger zu tun.

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          Politiker und Politikerinnen, Kanzlerkandidaten und Kanzlerkandidatinnen insbesondere, müssen Parcours laufen. Das hat der Wahlkampf gezeigt, und das zeigt sich auch am Tag danach. Wobei die Besonderheit des politischen Parcours darin besteht, dass die vorbereiteten Hindernisse, die einen zu Fall bringen können, nicht nur von anderen aufgestellt werden, sondern man sie mitunter gar nicht sehen kann.

          Dass die Kinder in der Pro-Sieben-Sendung „Late Night Berlin“, mit denen sie sprachen, gar keine eigenen Fragen stellen, sondern solche, die ihnen die Regie des Aktivistenmoderators Klaas Heufer-Umlauf einflüstert, ahnten Olaf Scholz und Armin Laschet nicht. Sie mussten sich, wie Annalena Baerbock auch, in etlichen Disziplinen beweisen, die mit Politik wenig, dafür viel mit Performance zu tun haben.

          Von hinten durch die Brust ins Auge gingen auch die Hetzaktionen im Netz, an denen sich Aktivisten, Grüne und Linke insbesondere gegen Armin Laschet beteiligten, plus die Einlassungen des Youtubers mit blau gefärbten Haaren plus demokratiefeindliche Botschafter eines ZDF-Unterhalters („AFDP“) plus frauenfeindlicher Aufmarsch im Fall von Annalena Baerbock. Da muss man durch, ganz gleich, wie blöd es wird. Im Fernsehen fehlte eigentlich nur noch, dass die Kanzlerkandidaten zu Eierlauf und Sackhüpfen an den Start geschickt wurden.

          Der politische Journalismus, den es im bewegten Bild ja sehr wohl gibt, erscheint inzwischen fast als Beigabe. Eine Langzeitbeobachtung wie die „Wege zur Macht“ von Stephan Lamby etwa oder Debatten, wie es sie am Wahlabend dann doch gab, in denen Politiker und Politikerinnen zu sich selbst und ihrer eigentlichen ­Rolle finden, als Sachwalter politischer Programmatik, Machtkalkulierer, Strategen und Taktiker. Am Beispiel einer Bundestagswahl mit echten Verlierern, aber ohne echten Sieger, was den Scripted-Reality-Erwartungen des Fernsehens widerspricht, lässt sich das besonders gut studieren: Politiker auf ihrem eigenen Parcours.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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