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Gaucks Faustische Kontraste : Präsident von Dunkeldeutschland

  • -Aktualisiert am

Joachim Gauck im Gespräch mit Geflüchteten in einer Erstaufnahmestelle in Willmersdorf am vergangenen Mittwoch. Bild: Reuters

Joachim Gauck spricht von einem manichäisch bipolaren Deutschlandbild, das eine helle und eine dunkle Seite habe. Trotz Angriffen auf Asylbewerberunterkünfte leuchtet Deutschland – wie macht es das bloß?

          Wenige Wochen vor der Silberhochzeit der Bundesrepublik und der DDR hat Bundespräsident Gauck die deutsche Teilung wieder ausgerufen. Oder war das bloß ein Witz? „Es gibt ein helles Deutschland, das sich hier leuchtend darstellt, gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören.“ Als „Dunkeldeutschland“ bezeichnet man seit der Wiedervereinigung, vor allem seit den fremdenfeindlichen Ausschreitungen Anfang der neunziger Jahre, geradezu sprichwörtlich Ostdeutschland.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Mit dieser geographisch eindeutigen Bezeichnung verbanden sich die Assoziationen einerseits des infrastrukturell Hinterherhinkenden, andererseits aber und vor allem des politisch noch Unzuverlässigen, Unbedarften, Rückständigen, im Zweifelsfall Gewaltbereiten – und unbedingt Provinziellen. Ausschließlich im Sinne politischer Korrektheit, eindeutig moralisch verurteilend war sie jedoch nicht; spürbar schwang hier und da auch ein ironisch-foppendes Geltenlassen mit, womöglich in der Erwartung, der hinzugekommene Landstrich werde staatsbürgerkundlich irgendwann schon noch aufholen. In jüngerer Zeit ist der Name deutlich weniger zu hören als in der unmittelbaren Nachwendezeit, vermutlich auch, weil der Neuigkeitsreiz eines griffigen Etiketts mittlerweile nachgelassen hat. Dass der ehemalige Pfarrer aus Rostock anlässlich der besorgniserregenden fremdenfeindlichen Vorfälle darauf zurückgreift, ist merkwürdig und nicht gerade im Sinne der alten Johannes-Rau-Parole „Versöhnen statt spalten“.

          Keine geographische Zuschreibung

          Es gibt also zwei Deutschlands. Ist die deutsche Frage damit wieder offen? Das ist sie immer. Nicht zufällig hat Nationalpsychologie immer dann besondere Konjunktur, wenn etwas passiert, das sich irgendwie mit der NS-Zeit in Verbindung bringen lässt. Ausprägungen von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Intoleranz werden dann kurzgeschlossen mit der Frage: Wie ist Deutschland denn nun – weltoffen oder doch das Gegenteil davon? Die Verteilung dieser Eigenschaften auf West- und Ostdeutschland war im Begriff „Dunkeldeutschland“ klar geregelt. Und sie scheint es auch jetzt noch, schließlich passiert in Sachsen unverhältnismäßig viel. Aber Gauck meinte das wohl eher im Sinne der klassisch-faustischen Zwei-Seelen-Theorie, die keine geographische Zuschreibung erlaubt: Deutschland als Ganzes weist dann eine helle und eine dunkle Seite auf, und je nach Lage der Dinge ist mal die eine, mal die andere mehr zu sehen.

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          Mit derlei bildlicher Rede ist den realen politischen Verhältnissen normalerweise nicht beizukommen. In diesem Fall hat die Öffentlichkeit, vor allem die politische Opposition, die Stellungnahmen der höchsten Staatsrepräsentanten, auf die man gewartet hat, endlich bekommen, wobei sich die Versicherung der Bundeskanzlerin, „Deutschland hilft, wo Hilfe geboten ist“, erwartbar nichtssagend ausnimmt, politisch aber vermutlich klug ist. So gesehen, bestätigt sich die Regel, dass gerade die Bekräftigung des überraschungsfrei Selbstverständlichen, die Verurteilung also von Aggression, Gewalt und Intoleranz, von der politischen Klasse immer wieder am dringlichsten erwartet wird.

          Mal die und mal jene Eigenschaft

          Gauck verfuhr mit seiner Zwei-Seiten-Analyse aber etwas anders und trat ein in die Tradition deutscher Selbst- und Seelenerforschung. Es sei erinnert an Sebastian Haffners 1940 erschienenes Buch „Germany: Jekyll and Hyde“, das der wohl bündigste Ausdruck dieses fast schon manichäischen Denkens ist und geschichtspolitisch stark auf das Deutschland-Porträt wie überhaupt auf den geschichtspolitischen Gehalt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ gewirkt hat. Haffner wollte der seinerzeit kursierenden Ein-Deutschland-Theorie etwas entgegensetzen und kam, auch aufgrund eigener Anschauungen, zu folgendem Ergebnis: Ein Jahr nach Kriegsbeginn teilte sich Deutschland auf in (jeweils rund) zwanzig Prozent überzeugter Nationalsozialisten, vierzig Prozent regime-loyaler, aber nicht fanatischer Unterstützer, 35 Prozent „disloyal Germans“ mit im Laufe des Krieges nachwachsender Distanz zum Regime sowie fünf Prozent wirklicher, aber wirkungslos bleibender Oppositioneller.

          Unabhängig davon, ob es sich tatsächlich so verhielt, war mit dem bei Stevensons gleichnamiger Erzählung geborgten Buchtitel auch ein politikwissenschaftlich seriöses Deutungsmodell in der Welt, das Thomas Mann 1945 in seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ mit der Behauptung „Das böse Deutschland, das ist das fehlgegangene gute“ wirkungsvoll umakzentuierte. Aus dem ungeachtet seines metaphorischen Titels rein anteilig rechnenden Befund, den Haffner der Gegenwart entnommen hatte und der naturgemäß nicht nach West- und Ostdeutschland unterschied, wurde so die These einer in der Zeit sich vollziehenden Metamorphose vom ursprünglich Guten zum Bösen. Voraussetzung dafür, dass Deutschland als Ganzes, gewissermaßen als ein Volkskörper gedacht wurde, der mal die und mal jene Eigenschaft zeigt. Derlei verliert sich in Metaphorik. Statt in Gut-böse- oder Hell-dunkel-Kontrasten zu reden, wäre es vernünftiger, einfach Recht und Gesetz anzuwenden statt zu psychologisieren.

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