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Steinmeier in Mailand : Den Riss heilen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.l.)und seine Frau Elke Büdenbender (l.) besuchen zusammen mit dem italienischen Präsidenten Sergio Mattarella (2.v.r.) und seiner Tochter Laura Mattarella (r.) eine Aufführung in der Mailänder Scala. Bild: dpa

Die Pandemie hat die Verbundenheit beider Länder beeinträchtigt, jetzt mussten für einen ersten Staatsbesuch unter Corona-Bedingungen neue Gesten und Bilder gefunden werden: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte Mailand.

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          Am ersten Tag seines Italien-Besuchs, der das Herz von Mailand durch weiträumige Absperrungen so leer wirken ließ, wie zuletzt nur während des Lockdowns, antwortete Bundespräsident Steinmeier auf die Frage, was ihm persönlich Freundschaft bedeute: „Ich kenne keinen Menschen, der sein Leben als gut und glücklich bezeichnen würde, ohne Freunde zu haben. Nicht alles lässt sich von der individuellen Ebene auf die staatliche übertragen. Aber es hat sich gezeigt, wie wichtig es auch in einer Krise ist, Freunde zu haben, die man anrufen kann.“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Frank-Walter Steinmeier und sein italienischer Amtskollege Sergio Mattarella haben seit Ausbruch der Pandemie häufig miteinander telefoniert. Sie haben sich auch Briefe geschrieben, man kann sie einsehen: Steinmeier in schwungvoller, ausgreifender Schrift und Mattarella in Lettern spitz und eng wie die Amplitude einer Herz-Rhythmus-Maschine. „Herr Bundespräsident und lieber Freund Frank-Walter“ und „Dein Sergio Mattarella“ steht in den Briefen aus Rom. „Lieber Sergio Mattarella“ und „Dein Frank-Walter Steinmeier“ liest man in jenen aus Berlin. In einem steht am Ende auf Italienisch „vi siamo vicini“, was übersetzt „wir sind Euch nah“ bedeutet.

          Einrichtung einer Luftbrücke

          Genau daran aber herrschten erhebliche Zweifel in Italien, als die Pandemie das Land mit so tödlicher Wucht traf, dass viele Menschen zu Hause starben, da es schon bald keine Intensivbetten mehr für sie gab. Aus Deutschland kamen zunächst vor allem sorgenvolle Blicke und ein Ausfuhrstopp für Atemschutzmasken und Schutzbekleidung. Das unter Steinmeier äußerst gute Verhältnis bekam einen Riss, der durch deutschlandfeindliches Gerede von Populisten vertieft wurde. Von den späteren Lieferungen medizinischen Materials und der Einrichtung einer Luftbrücke, mit der vierundvierzig Schwerstkranke nach Deutschland verlegt wurden, erfuhren die Menschen wenig. Die Medien in Italien berichteten einfach kaum darüber.

          Frank-Walter Steimeier vor dem Mailänder Dom, in dem er für die Corona-Opfer eine Kerze entzündet hatte.
          Frank-Walter Steimeier vor dem Mailänder Dom, in dem er für die Corona-Opfer eine Kerze entzündet hatte. : Bild: EPA

          Ein halbes Jahr später und nach Beschluss des Wiederaufbaufonds ist die Kritik zwar leiser geworden, dennoch war es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen und die freundschaftliche Verbundenheit mit einem zweitägigen Staatsbesuch öffentlich zu demonstrieren. Das Protokoll des Staatsbesuchs hält dafür bestimmte Rituale bereit. Es sind weltweit dieselben, die Handlungen müssen vom Publikum richtig gedeutet werden unabhängig davon, wohin ein Präsident reist und woher er stammt.

          Andere Gesten und Bilder

          Zum Ausdruck politischer Freundschaft gehörte bis zum Ausbruch der Pandemie die Umarmung, das Verschränken der Hände, der Kuss und die Gemeinschaft am Tisch beim Staatsbankett. Das alles ist unmöglich geworden. Für Steinmeiers ersten Staatsbesuch unter Corona-Bedingungen mussten andere Gesten und Bilder gefunden werden. Nicht nach Rom, sondern nach Mailand ging es, in die Hauptstadt der am schwersten getroffenen Region Lombardei, schon darin lag symbolische Kraft – Freundschaft bedeutet schließlich gegenseitige Anteilnahme. Steinmeier und Mattarella zeigten sie auch im Dom, wo sie in Gedenken an die Toten und Erkrankten in Italien und Deutschland eine Kerze anzündeten.

          Dass das Befolgen des neuen Drehbuchs nicht einfach war, offenbarte sich gleich zu Beginn des Besuchs: „Nach so vielen Monaten, die wir uns nicht gesehen haben, wäre das nun der richtige Moment, sich zu umarmen. Wir tun einfach so, für richtige Umarmungen müssen wir noch warten“, begrüßte Steinmeier seinen Amtskollegen am Roten Teppich. Ihre FFP-2 Masken konnten nicht verbergen, wie schwer das den Präsidenten fiel, den Reflex des Sich-Berührens zu unterdrücken. Dass er unter Freunden nie stärker ist als in Augenblicken des Wiedersehens, weiß seit einigen Monaten jeder. Warum sollte es unter befreundeten Staatsoberhäuptern anders sein?

          Mit den Augen sprechen

          Bewegend waren die Erzählungen der geladenen Ärzte und Krankenpfleger, die an der Luftbrücke nach Deutschland beteiligt waren sowie die Berichte der durch die Hilfsaktion geretteten ehemaligen Covid-19-Patienten. Die italienische Presse hörte aufmerksam zu und schrieb am Tag darauf ausführlich darüber, und das dürfte das Deutschlandbild von vielen Italienern weiter korrigieren: Das Schicksal des siebenundfünfzigjährigen Lehrers Felice Perani aus der Region Bergamo beispielsweise, der im Krankenhaus ins Koma gefallen war, per Luftbrücke nach Leipzig kam und dort nach fünf Tagen auf der Intensivstation aus dem Koma erwachte. „Die Ärzte und Krankenschwestern sprachen zu mir mit ihren Augen, da ich kein deutsch verstehe. Man behandelte mich dort wie einen Bruder, einen Sohn. Deutschland ist wie eine zweite Mutter für mich geworden, denn ohne die deutsche Hilfe wäre ich gestorben.“

          Viel Freundschaft war bei diesem Treffen also im Spiel, und viel Europa. Das Europa des Wiederaufbaufonds und der wirtschaftlichen Entscheidungen. Das Europa der Städtepartnerschaften, die nach 1945 entstanden sind als Zeichen gegen den Krieg. Auf diesem Weg kam in der Hochphase der Pandemie viel Hilfe nach Italien. Mattarella und Steinmeier haben angekündigt, einen mit 200.000 Euro dotierten Preis ins Leben zu rufen, der Projekte deutsch-italienischer Städtepartnerschaften ehrt.

          Die deutsche Haltung sei entscheidend gewesen, sagte der italienische Staatspräsident, damit Europa sich auf seine Verantwortung besonnen habe. Auch der Ausklang des ersten Besuchstags verwies symbolisch auf das europäische Anliegen: In der Scala wurde Beethovens Neunte gegeben. Mattarella ist ein großer Verehrer des deutschen Komponisten, Steinmeier hingegen Jazz-Liebhaber. Und so liest sich der Konzertbesuch auch als freundschaftliche Geste, denn was kann schöner sein als einen interessierten Freund an der Leidenschaft teilhaben zu lassen? Am Ende stehender Beifall. Für die musikalische Darbietung und, etwas zögerlich zunächst, auch für die Präsidenten.

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