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Bürgerrecht und Integration : Die Zauberformel für Rechtssicherheit

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Bürger wird, wer treu zu Rom steht

In der Episode aus der Apostelgeschichte schwingt aber noch etwas anderes mit. Während der Tribun sein Bürgerrecht käuflich erworben hat, ist Paulus von Geburt an Römer. Er steht in der Rangordnung deshalb über dem ihn verhaftenden Tribun. In einer Welt, die in strengen Hierarchien dachte und in der Ehre und Prestige viel Gewicht hatten, barg der Bürgerstatus immenses soziales Kapital. An den Rändern der römischen Welt, wo es kaum römische Bürger gab, war Bürgersein gleichbedeutend mit der Zugehörigkeit zur lokalen Elite. Wer Römer war, der hatte es geschafft. Für Provinzhonoratioren war der Weg in die Reichselite oft erstaunlich kurz: Wer zu Hause über genug Geld und Ansehen verfügte, konnte Ritter werden und vielleicht in den Senat aufsteigen. Unter Umständen konnten seine Kinder oder Kindeskinder gar dereinst in den Kaiserpalast auf dem Palatin einziehen. Nichts schien unmöglich in einem Reich, in dem die sozialen Schranken durchlässig und das Bürgerrecht der Freifahrtschein für den Marsch durch die Institutionen war.

Auf das Drängen mächtiger Freunde, wurde der Zegrenze Julianus vom Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus samt Familie zum römischen Bürger erklärt. Auf dem Bild: Eine Büste des Kaisers in Dresden.

Natürlich machten die Römer nicht jeden zum römischen Bürger. Hilfreich, aber keineswegs unabdingbar war, wenn man Latein sprach. Nützlich waren einflussreiche Freunde. So setzte sich der jüngere Plinius bei Trajan erfolgreich für seinen ägyptischen Arzt Harpocras ein. In mehreren Briefen nervte er seinen Kaiser mit der Angelegenheit, bis der den Heiler tatsächlich zum Römer machte. Kraft kaiserlichen Dekrets wurde auch der Zegrenze Julianus, Oberhaupt des mauretanischen Stammes der Zegrensen, mitsamt seinem Familienclan römischer Bürger. Die Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus erklären in dem inschriftlich erhaltenen Verwaltungsakt, schließlich sei Julianus einer der Vornehmsten seines Stammes. Vor allem habe er erwiesenermaßen der römischen Sache stets loyal gedient. Das ist das Wesentliche: Bürger wird, wer treu zu Rom steht. So einfach war das vor zweitausend Jahren.

Bürgerrecht im Übermaß

Im Rom Ciceros und Trajans war Bürgerrecht gleichbedeutend mit dem Versprechen auf sozialen Aufstieg. Es war deshalb untrennbar Teil der römischen Erfolgsgeschichte. Wenn die Römer ein Reich, das vom Firth of Forth bis zu den Katarakten des Nils reichte, nicht nur erobern, sondern auch Jahrhunderte halten konnten, dann verdankten sie das mindestens so sehr dem Bürgerrecht wie ihren Legionen. Schließlich garantierte die Aussicht darauf das Wohlverhalten von Bevölkerungen mit völlig verschiedenen kulturellen Prägungen. Ausnahmen, wie die Juden, bestätigen die Regel. Die Integration bewältigte Rom, indem es den sozialen Aufstieg vom Rand in die Mitte der imperialen Gesellschaft wie eine plausible Erzählung aussehen ließ.

Man sollte meinen, die Römer hätten zäh an diesem Erfolgsmodell festgehalten. Lange taten sie das auch, doch 212 nach Christus gewährte Kaiser Caracalla per kaiserliches Dekret allen freien Reichsbewohnern das römische Bürgerrecht. Die Motive für diesen Schritt liegen ebenso im Dunkeln, wie die Folgen umstritten sind. Klar ist nur, dass das Bürgerrecht mit einem Schlag seine Funktion als Katalysator der Integration einbüßte. Wie jede Ressource, die plötzlich im Übermaß verfügbar ist, verlor die „civitas Romana“ jeden Wert. Sie wurde, um Scheuers Formulierung aufzugreifen, zum Ramschartikel.

Oft hielten die zahllosen Neurömer es nicht einmal für der Mühe wert, ihr Römersein der Umwelt kundzutun. Anreize zu loyalem Verhalten bot das Bürgerrecht nicht mehr. Die Loyalität der Reichsbewohner blieb dem Imperium zwar noch für ein paar Jahrhunderte erhalten. Doch sie musste immer mehr mit Gewalt erzwungen werden.

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