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Bürgerrecht und Integration : Die Zauberformel für Rechtssicherheit

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Der Doppelpass der Neurömer

Der Bürger lebte aber nicht nur von der Polis, er lebte auch für sie. Was die Tugend des tüchtigen Bürgers sei, fragt Aristoteles im dritten Buch seiner Politik. Der gute Bürger müsse gut zu regieren verstehen, aber er müsse auch gut regiert werden können, lautet die Antwort. Darin unterscheide sich die Herrschaft, die er „politisch“ nennt, von der Despotie: Die despotische Herrschaft kenne nur Herren und Sklaven, in der politischen regiere man „über Gleichartige und Freie“. Der gute Bürger müsse „die Regierung von Freien in beiden Richtungen verstehen“. Um das zu können, müsse er sich intensiv dem politischen Geschäft widmen können.

Wer von seiner Hände Arbeit leben muss – nach griechischem Verständnis ein „Banause“ ist –, der ist für Aristoteles als Bürger disqualifiziert, allein schon, weil ihm die Zeit fehlt: „Denn wer das Leben eines Banausen oder Tagelöhners führt, der kann sich nicht um die Tugend kümmern.“ Teilhabe ist nicht nur Privileg und geldwerter Vorteil, sie ist auch eine schwere Bürde. Die Polis verlangt ihrem Bürger viel ab. Die Restriktionen des Bürgerrechts standen in Griechenland der Bildung von Gemeinschaften, die größer waren als eine Stadt, unüberwindlich im Wege. Den Athenern wäre es nie in den Sinn gekommen, ihr Bürgerrecht den Bewohnern unterworfener Städte zu verleihen und sie so in ihren Herrschaftsraum zu integrieren.

Wer Bürgerrechte besaß, durfte nicht gefoltert werden. Alle anderen mussten den Tod fürchten. Auf dem Bild: Der älteste Todeskerker der Welt in Rom.

Genau das aber taten die Römer, deren Imperium seine Keimzelle ebenfalls in einem Stadtstaat hatte. Sie hatten 396 vor Christus die Nachbargemeinde Veji unterworfen, die Stadt dem Erdboden gleichgemacht und alle ihre Bewohner versklavt. Diesen Fehler begingen sie nur einmal. Bei allen späteren Eroberungen verhielt sich die Stadt am Tiber wie ein Verbrechersyndikat, das sein jeweils letztes Opfer zum Komplizen künftiger Coups macht. Schlüssel zum Erfolg war das Bürgerrecht: In wohlberechneter Großzügigkeit verliehen die Römer ihr Bürgerrecht den Eliten der von ihnen unterworfenen Landstriche. Sie schufen sich so loyale Sachwalter, erst in den Kommunen Italiens, später in den Provinzen rund ums Mittelmeer. Ein Problem damit, dass die Neurömer zugleich das Bürgerrecht ihrer Heimatstadt führten, hatten die Römer nicht. Der Doppelpass wurde so mit fortschreitender Romanisierung regelrecht zur Norm.

Römer „light“ zu sein bringt handfeste Vorteile

Die Entflechtung von Bürgerrecht und Stadtstaat war aber nicht ohne Preis zu haben. Die durch den Bürgerstatus verbrieften Partizipationsrechte wurden Stück für Stück der territorial wie personell immer größer werdenden Bürgergemeinde geopfert. Die war zwar eine formidable Militärmaschine, taugte aber zur politischen Meinungsbildung schon deshalb nicht, weil dem unüberwindliche Distanzen entgegenstanden. Dass die römischen Bürger aus den Städten Italiens zur römischen Volksversammlung strömten, war spätestens in dem Moment utopisch geworden, als die Römer per Gesetz der ganzen Halbinsel ihr Bürgerrecht förmlich überstülpten, nachdem ein Großteil ihrer italischen Alliierten 91 vor Christus den Aufstand gegen Rom geprobt hatte. Seitdem war der Bürgerstatus von der politischen Teilhabe abgekoppelt, gegenüber seinem griechischen Pendent war das Bürgerrecht der Römer nur mehr ein Bürgerrecht „light“.

Das tat aber den Begehrlichkeiten, die es weckte, keinen Abbruch. Auch ohne Eintrittskarte in die politische Teilhabe zu sein, garantierte es Rechte und Vorzugsbehandlungen. Nicht umsonst stellt Cicero fest, dass der Satz „civis Romanus sum“ überall im Reich wie eine Zauberformel wirke. Er garantiere dem, der ihn äußert, Respekt und Rechtssicherheit. Als die römische Wache den Apostel Paulus in Jerusalem in Schutzhaft nimmt, sagt der dem verblüfften Tribun ins Gesicht, er sei römischer Bürger. Als Römer ist Paulus nicht nur vor der Folter sicher, ihm steht auch der Appellationsweg bis zum Kaiser offen, den er prompt beschreitet. Römer zu sein bringt in der weiten Welt des Imperiums handfeste Vorteile mit sich.

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