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Frankfurts Philosophicum : Bezahlbares Wohnen im einstigen Denklabor

Bild: F.A.Z.

Das Frankfurter Philosophicum wird zu einem Wohnhaus umgebaut - nicht von Investoren, sondern von einer Bürgerinitiative. Ein mutiges Signal, ganz im Sinne der radikalen Erbauer.

          Den einen galt es als öder grauer Betonkasten, den anderen als ein Meisterwerk Ferdinand Kramers, des neben Ernst May berühmtesten Funktionalisten Frankfurts: Das „Philosophicum“ in Bockenheim, dem alten Standort der Goethe-Universität, schwebte in den letzten Jahren zwischen Abriss und Sanierung. Lange schien das Verschwinden unvermeidlich. Nun kam überraschend der Umschwung - das Philosophicum wird umgebaut.

          Robert Wenkemann

          Verantwortlicher Redakteur für Multimedia und Art Director bei FAZ.NET.

          Noch überraschender ist, dass der graue Riese künftig ein Wohnhaus sein wird. Und die größte Überraschung besteht darin, dass dort preisgünstige Wohnungen entstehen sollen. Denn schließlich ist momentan in Deutschlands Großstädten bereits eine Kleinstwohnung in Innenstadtnähe für die meisten ein unerschwinglicher Luxus.

          Hitzige öffentliche Diskussionen über Mietpreisbegrenzungen sind deshalb von München bis Hamburg, Berlin bis Stuttgart oder sogar Regensburg an der Tagesordnung. In Frankfurt wurde schon lange und im Fall des Philosophicums besonders heftig diskutiert: Ausgerechnet ein Gebäude Ferdinand Kramers, das nichts Großartiges und nichts Repräsentatives, aber eine bewegte Geschichte hinter sich hat, in dem Theodor W. Adorno und Alexander Kluge ein und aus gingen, sollte von einem Investor in exklusive Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Die Gebote lagen auf dem Tisch. Sie entsprachen den Wünschen der Stadt. Gleichzeitig bemühte sich eine Bürgerinitiative um das Haus, aber mit ganz anderen Vorstellungen: Die Wohnungen sollten bezahlbar sein.

          Diese Vorstellungen liefen zwar allen Verwertungsinteressen der Stadt zuwider, entsprachen aber dem Ideal Ferdinand Kramers: „Trotz seiner Lage hat das Haus nichts Repräsentatives oder Großartiges. Und das wird natürlich von gewisser Seite als Manko angesehen; denn wir leben ja in einer Zeit, die sich das Großartige gern wieder leistet und meint, ohne es sei das Leben eigentlich weniger wert“, sagte er 1961 zur Eröffnung seines neuen Studentenwohnheims in Frankfurt am Main.

          Überall Ablehnung

          Es gibt einen Kronzeugen, der aus eigenem Erleben die Bedeutung des Philosophicums in Kramers Schaffen, aber auch in der Frankfurter und deutschen Baugeschichte zu würdigen weiß - Walther Dunkl, ein ehemaliger Mitarbeiter. „Sofort anfangen!“ stand in dem Telegramm, das er 1952 von Kramer erhielt. Drei Tage zuvor hatte Dunkl sich mit einer Architektenrolle voller Arbeitsproben beworben. In Frankfurt angekommen, sah er eine vom Krieg zerstörte Universität. Sie neu zu planen sollte die Aufgabe des Fünfundzwanzigjährigen werden. Heute spricht der bemerkenswert aufrechte Sechsundachtzigjährige von der schönsten Zeit seines Lebens.

          Kaum war er 1952 Leiter der Planungsabteilung, da verstärkten Helmut Alder und Klaus Peter Heinrici das junge Architektenteam. Kramer ließ die drei seine Idee einer neuen Universität entwerfen. Dunkl sagte er: „Zuerst das Fernheizwerk. Was die Universität braucht, sind Wärme und Energie.“ Der zeichnete bald einen neuen, transparenten und weiteren Eingang für das Hauptgebäude. Der neobarocke alte wurde kurzerhand weggerissen. Die Empörung war groß.

          „Keine falsche Pracht“ rief Ferdinand Kramer zur Eröffnung des Studentenwohnheims und zitierte Engels’ Text über den Pariser Barrikadenkampf und Haussmanns Luxusalleen. Funktion und Nutzwert bestimmten die neue Form, Raum, Proportion, Rhythmus, Material und Farbe waren die Gestaltungsmittel. Überall gab es Ablehnung. Selbst die roten Decken des Studentenwohnheims wurden als konzentrationsfeindlich und lustfördernd verunglimpft.

          Weltweit einzigartig

          Doch die Innovationskraft des Teams war beispielhaft, es arbeitete wie besessen. Das Geologisch-Paläontologische Institutsgebäude entwarfen Dunkl und Alder 1954 in einer Nacht - genormt bis in die Labortische. Sein Raster wurde auf andere Gebäude übertragen, so konnten Zeit und Geld gespart werden. Biologie und Zoologie waren 1956 die modernsten Laborbauten Deutschlands; 1958 stapelte Alder die Hörsaalgebäude so, dass ihre schräg ansteigenden Ebenen einander ausgleichen. Im selben Jahr wurden im neuen Institut für Kernphysik sogar zwei Teilchenbeschleuniger installiert.

          Zu lang vernachlässigt: Der Putz blättert ab Bilderstrecke

          Dann, 1959, gestaltete Dunkl das Seminargebäude der Philosophen (Philosophicum). Die Genehmigung für den außen offen liegenden Stahlskelettbau war eine Sensation, weltweit einzigartig. Er konnte in Rekordzeit errichtet werden.

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