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Amerikas liberale Mittelklasse : Buddhist und Waffenbesitzer

Nicht ohne mein Gewehr: Jeder amerikanische Bürger besitzt im Schnitt 1,2 Feuerwaffen. Bild: Didier Ruef / Visum

Auch die liberale Mittelklasse Amerikas rüstet auf und geht auf Nummer sicher. Zum Beispiel Roger, Psychotherapeut, Intellektueller mit leiser Stimme und einem sozialen Engagement. Ein Austausch.

          4 Min.

          Nach jüngster Statistik kommen in den Vereinigten Staaten auf jedes Schnellrestaurant von McDonald’s vier Waffenläden – und auf jeden Supermarkt mehr als zwei. Wem das phantastisch erscheint, der kann tiefer in diese erstaunlichen Zahlen eintauchen. Laut einer weltweiten Studie über Feuerwaffen im Privatbesitz, die mit Hilfe der australischen Regierung erstellt wurde, besitzt jeder amerikanische Privatbürger – Polizei und Militär nicht eingerechnet, Säuglinge, Kleinkinder, Schüler und Pflegebedürftige dagegen wohl – 1,2 Feuerwaffen. (Serbien hat ein Drittel davon, Deutschland ein Sechstel.) Macht insgesamt fast vierhundert Millionen Stück, die in der Gesamtbevölkerung des Landes im Umlauf sind. Viele Deutsche haben einen gun shop natürlich noch nie betreten, weder physisch noch gedanklich. Es ist dieser zweite Aspekt, der sich radikal änderte, als Roger mir erstmals von seinen Waffen erzählte.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Roger – sein wahrer Name lautet anders – ist ein amerikanischer Psychotherapeut jenseits der fünfzig, ein Intellektueller mit leiser Stimme und einem sozialen Engagement, von dem er nur spricht, wenn man ihn danach fragt. Als wir uns vor mehr als drei Jahrzehnten kennenlernten, entzifferte er Walter Benjamin im Original und interessierte sich für Mahlers Sinfonien. Später kamen Buddhismus, Tierschutz und Psychotherapie hinzu. Mit der Wahl eines bürgerlichen Berufs ließ Roger sich Zeit. Jahrelang, so schien es, reichte es ihm, Bücher zu lesen und über die Welt nachzudenken. Dann fand er seinen Weg. Irgendwann hatte er seine eigene therapeutische Praxis und behandelte Kinder aus gefährdeten Milieus. Auch später, als er wegen seiner Vorträge durchs ganze Land reiste, hielt er seine Honorarsätze niedrig. Roger empfand das Leben – das eigene und das der anderen – immer als gefährdet.

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