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Generation Z : Hey, cool! Hey, blöd!

Mit Vorsicht genossen, ist Twitter ein Schwungrad unserer Debattenkultur. Bild: AP

Sind die Jüngeren gleichsam von einem anderen Stern, den Älteren wesensfremd? So wollen es ein paar pfiffige Geschäftsleute, die ihre Generation verkaufen.

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          Es spricht nicht für die Älteren, nicht für deren Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen, wenn sie es für möglich halten, dass die Jüngeren wie Wesen von einem anderen Planeten sind, Wesen, die sich nur mit ganz besonderen Kenntnissen verstehen ließen, welche mittels Weiterbildungsmaßnahme oder Buchlektüre zu erwerben wären. Das Buch „Gen Z“ über die Generation der heute 10- bis 27-Jährigen spielt mit diesem Missverständnis, indem es verspricht, älteren „Entscheidern“ eine angeblich völlig anders tickende Generation nahezubringen, die in ihrem Selbstverständnis, ihren Wünschen und Gefühlen gleichsam ohne anthropologische Konstanten zu den Vorfahren bleibe.

          „Sie sind die ersten wirklichen Digital Natives“, schreibt der Verlag ergriffen, als sei damit ein neues Menschsein in die Welt gekommen, „vernetzter und technologisch fitter als jede Generation vor ihnen“, zugleich mit „der bislang höchsten Rate mentaler Erkrankungen“. So wird aus einer Generation eine Produktidee, noch dazu eine solche, die aus der Generation selbst geboren wurde, denn die Herausgeber gehören ihr an.

          Atemberaubende Anmaßung

          Zwei von ihnen, Yael Meier und Jo Dietrich, haben in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung neulich keinen Zweifel daran gelassen, dass hier der Wirtschaft eine Generation verkauft werden soll, leider in des Wortes doppelter Bedeutung. Mit einer Anmaßung, die atemberaubend wirkt, werden da komplexe Phänomene der Sozialisation, die sich nur als vielschichtige Wechselwirkungen zwischen Innen und Außen verstehen lassen, mit ein paar knalligen Sätzen abgefertigt. Ja, in gewisser Weise wird hier eine Generation für dumm verkauft, als komplett außengeleitet vorgestellt, um als Produkt zu funktionieren.

          Im folgenden eine Probe aus dem Interview. Frage: „Jeder braucht Wertschätzung. Die Generation Z aber besonders viel. Wieso?“ Meier: „Sie ist so aufgewachsen. Sie misst sich an Likes und der Anzahl Follower.“ Dietrich: „Mit 13 oder 14 kommt man zu einem Selbstbild durch das, was andere über dich sagen. Sehe ich gut aus? Bin ich erfolgreich? Man orientiert sich an der Meinung der anderen. In den sozialen Netzwerken erhält man zu allem, was man sagt und von sich zeigt, augenblicklich Feedback: Hey ja, hey nein, hey cool, hey blöd! Das prägt.“ Frage: „Definieren Sie sich über die Selbstdarstellung?“ Meiner und Dietrich: „Ja.“

          So redet man eine Generation bereitwillig um Kopf und Kragen, wenn zwei verkaufstüchtige Individualpsychen ihr Innenleben verallgemeinern. Die Älteren sollten sich nicht täuschen lassen: Unter den Digital Natives werden Selbstbilder gewonnen, poetischer, wissender und umsichtiger als je zuvor.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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