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Frankreichs Fehler : Im Körper der Macht

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An die Macht des Palastes glauben sie alle, auch François Hollande, hier bei einer Pressekonferenz im Élysée-Palast Bild: AFP

Wäre in Frankreich wirklich alles gut, wenn das System nur bessere Leute casten würde? Tatsächlich ist das quasimonarchische System schon der Fehler, wie das neue Buch eines ehemaligen Sarkozy-Beraters beweist.

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          Eine der erstaunlichen Konstanten im Trubel der französischen Misere, der Skandale und der endlosen Krise ist die nahezu kindliche Vorstellung von der Macht des Palastes. Alles schaukelt, schwindet und verwandelt sich in der globalisierten, digitalisierten Zeit - aber dass die Welt aus dem Élyséepalast regiert wird, dass die Schicksale der Franzosen genau dort geregelt und entschieden werden, dass den hier tätigen Mächtigen eigentlich alles möglich ist und auch zusteht: an dieser symbolischen Geographie konnte noch kein Skandal rütteln, im Gegenteil. Im Abrechnungsbuch von Valérie Trierweiler, der Frau aus einfachen Verhältnissen, die mit ihrem Traummann in den Palast zog, bevor er sie unsanft hinauswarf, findet sich eine Episode von mädchenhafter Aufrichtigkeit: Ihre Mitarbeiterinnen aus dem Büro der Première Dame organisieren eine Ehrung für engagierte und begabte Mädchen aus sozialen Brennpunkten. Als Preis soll es Taschen einer angesagten Designerin geben. Um die Kosten der ganzen Sache im Griff zu behalten, schlägt eine Mitarbeiterin vor, ähnlich aussehende, aber eben nicht ganz so teure Taschen zu besorgen. Das regt Trierweiler auf, und zwar gerade, weil sie selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammt: „Wir sind im Élyséepalast, hier werden Originale verschenkt!“ Im Märchen kommt ja auch nicht McKinsey.

          So funktioniert die Republik nach wie vor. Das verdeutlicht auch der Skandal, der das Land in der letzten Woche beschäftigte. Was mag man in anderen Ländern tun, um den ungeliebten, omnipräsenten politischen Konkurrenten endgültig aus dem Feld zu schlagen? Deutsche Politprofis würden womöglich in Partei und Fraktion einen Putsch anzuzetteln versuchen, in den Vereinigten Staaten würde man ihm die Geldgeber abspenstig machen - in Frankreich aber verabredet man ein Mittagessen, ein Mittagessen mit dem Generalsekretär des Palastes. Ende Juni traf sich der ehemalige Premierminister François Fillon zum Mittagessen mit dem Generalsekretär des Palastes und verlangte dort, jedenfalls nach Darstellung des Generalsekretärs, dass die Justiz den Druck auf seinen Rivalen, den ehemaligen Präsidenten Sarkozy, erhöhe - und wenige Tage später wurde Sarkozy tatsächlich zu einer mehrstündigen und ziemlich harschen Vernehmung abgeholt. Obwohl Fillon einer anderen politischen Partei angehört als die Machthaber im Élysée, hätte sein Plan effektiv, lautlos und wie immer funktioniert, wenn nicht der Generalsekretär vor Journalisten geplaudert hätte, halb um anzugeben, halb um den Bruderkrieg der Rechten zu schildern, nur um sich dann zu wundern, dass die Bürger den Eindruck haben, von einer Clique regiert zu werden, denen Parteien ebenso egal sind wie die Gewaltenteilung.

          Wie in einem Zustand der Hörigkeit

          Wie der Palast in seinem Inneren funktioniert, welche Zwänge in ihm herrschen, aber was man mit den dortigen Mitteln auch bewegen kann, wie sich die Welt verändert, wenn man dort einzieht und was das mit den Menschen macht, davon erzählt nun ein Buch, ein Erlebnisbericht mit dem schönen Titel „Comédie française“ (Fayard). Der Autor Georges-Marc Bénamou, Jahrgang 1957, wurde in den achtziger Jahren als Gründer des linksliberalen Magazins „Globe“ und engagierter Publizist bekannt. Der damalige Präsident François Mitterrand wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn in den Palast ein. Bénamou wurde zum regelmäßigen Besucher und Biographen des kranken alten Mannes, verhedderte sich auf der Suche nach der historischen Wahrheit Mitterrands in der Vichy-Zeit und hatte zunehmend private Probleme. Aus diesen Besuchen im Palast am Ende einer Ära wurden ein Buch und ein preisgekrönter Film von Robert Guédiguian, „Letzte Tage im Elysee“, mit dem 2005 die Berlinale eröffnet wurde. Bénamou arbeitete später als Sachbuchautor und gehörte zu jenen Vertretern der linksliberalen Intelligenz, die Nicolas Sarkozy auf seinem ungestümen Weg in den Élyséepalast begleiteten. Mit großer literarischer Fertigkeit gelingt es ihm, noch mal das damals allgegenwärtige Gefühl des Aufbruchs zu beschwören: Was war, nach den stillen Jahren unter Chirac und der Morbidität der späten Mitterrandjahre, deren bester Zeuge Bénamou ist, nun nicht alles möglich?

          Das Land sollte moderner werden, offener, schneller und schlanker. Die Wirtschaft und die Verwaltung sollten reformiert werden. Und rasant sind auch die ersten Tage des Conseiller spécial, zuständig für Medien und Kultur: Darum bekommt er von der Palastverwaltung nicht nur ein Mobiltelefon, sondern gleich zwei, ebenso nicht bloß einen, sondern gleich zwei Fahrer, einen für Termine tagsüber und „einen für die Nächte!“. Und mit dieser Ernennung wird er zu einem der begehrtesten Männer der Republik: Die tollsten Einladungen mit den besten Plätzen stapeln sich in seinem Sekretariat, berühmte Menschen flippen aus, wenn sie ihn sehen, betteln um einen Termin, Reiche bieten ihm ihr Ferienhaus an. Und er hat echte Macht: Parlamentsfraktion, Regierungspartei und selbst die Minister sind bloß Statisten der Politik, alle Fäden laufen im Palast zusammen. Ein Berater, der ja selbst kein Mandat von den Wählern hat, spricht stets das letzte Wort. Beziehungsweise das vorletzte, denn dann kommt er.

          Bénamou beschreibt in beklemmenden Szenen, wie ganze Gruppen von Ministern, Mitarbeitern und anderen erwachsenen Männern und Frauen wie in einem Zustand der Hörigkeit den Worten Sarkozys lauschen. Sie spitzen die Ohren nach einem Unterton, achten auf Gesten und Zuckungen, die darüber Auskunft geben könnten, wie die eigene Gunst derzeit steht. Der Körper des Präsidenten ist ihnen, was der Dax-Ticker für Anleger ist: eine rasche Folge an Hinweisen, die recht gedeutet werden wollen.

          Die übersehene persönliche Konsequenz

          Bénamou beschreibt eine Beratungsmechanik und Entscheidungsfindung, die einer modernen Gesellschaft eigentlich unwürdig ist. Die Runde und ihr Chef, sie kennen nur ein Ziel, nämlich den Chef zufriedenzustellen. Und der hat vor allem ein Thema, und das ist er selbst. Wie er wurde, was er ist, wie er so dasteht, warum die sich irren, die ihn kritisieren, während die richtigliegen, die ihm anhängen. Von seinen persönlichen Interessen und Meinungen unabhängige Sachfragen, politische Ziele oder Themen, die auf Anregung anderer aufkommen, all das gibt es in den entscheidenden Runden gar nicht. Sarko ist zufrieden, wenn er allgemein gut da steht und politisch nichts zu befürchten hat. Risikovermeidung wird das zentrale Stichwort aller, und das funktioniert nun einmal am besten, wenn man sich mit den bestehenden Verhältnissen, der hohen Verwaltung und den unsichtbaren Kraftlinien der Republik gutstellt.

          So beantwortet das Buch eine auch für die aktuelle politische Lage in Frankreich wichtige Frage: Warum wurde politisch so wenig aus der damals mit solch enormem Schwung begonnenen Amtszeit Sarkozys? An einer Schwäche der Exekutive lag es nicht, dem Leser wird klar, dass der Élyséepalast in Frankreich nahezu alles kann, vermutlich wird dort auch das Wetter irgendwie gesteuert. Doch Sarko wollte keine Reformen. Er hätte ungünstige Demonstrationen und eine anhaltend schlechte Presse nicht ertragen. Stattdessen hielt er sich an einen anderen schattenhaften Berater, den schwer nach Rechts tendierenden Philippe Buisson. Der empfahl Sarko, den Staat schön stark und autoritär erscheinen zu lassen und auf die Themen zu setzen, die sonst der Front National abdeckt. Er riet, die Franzosen voneinander abzugrenzen - Ausländer gegen Inländer, Fleißige gegen Faule, Kriminelle gegen Anständige und so weiter, außerdem die Angst zu schüren, um Sicherheit versprechen zu können. Darauf, dass diese politische Tendenzentscheidung Sarkozys, die eben auch eine Absage an einen Kurs der wirtschaftlichen Reformen war, auch für ihn, den Vertreter eines linksliberalen Kurses der Öffnung, eine persönliche Konsequenz haben könnte, kommt Bénamou interessanterweise erst, als es zu spät ist.

          Die Republik und der Zauber des Palastes

          Jemand verbreitet Gerüchte, man unterstellt ihm Dinge, bald bemerkt er ungünstige Blicke, Betonungen und Grimassen, wenn er mit dem Präsidenten zusammen ist, und dann ist es irgendwann zu spät. „Du musst den Palast verlassen“, eröffnet ihm der damalige Generalsekretär Claude Guéant. Man bietet ihm einen Trostposten an, aber die Berufung zieht sich hin, gerät zur öffentlichen Demütigung. Doch er braucht das Geld, kann nicht einfach so gehen. Schließlich tut sich der Boden unter ihm auf, er rutscht in eine tiefe Krise, denn er kann es nicht verwinden, in der Gunst des mächtigen Mannes gefallen zu sein, versagt zu haben, nicht mehr dazuzugehören. Weder unter Rechten noch unter Linken findet er mehr Anschluss, er wird ein einsamer Mann in Paris.

          Immerhin hat er ein wichtiges und berührendes Buch geschrieben. Die Republik, in deren Gründungsmythos der Sturm auf ein Gefängnis und die Öffnung der Paläste von außen erzählt wird, will vom Zauber des Palasts nicht ablassen. Wenn sich zeigt, dass das heute so nicht mehr funktioniert, wird die Schuld nicht bei dieser überkommenen, romantischen Monarchie gesucht, sondern beim jeweiligen Personal. Nicht dass die Macht besser verteilt werden muss, etwa unter den Verfassungsorganen, nicht, dass sie transparenter und dialogischer funktionieren muss, ist die Lehre, die viele in Paris aus der Dauerkrise ziehen, sondern dass nur der oder die Richtige gecastet werden muss, damit die Fotos vom Palast wieder glamourös erstrahlen. Man kann nur hoffen, dass beim nächsten Gruppenbild nicht eine gewisse blonde Dame in der Mitte stehen soll.

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