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Frankreichs Fehler : Im Körper der Macht

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Die übersehene persönliche Konsequenz

Bénamou beschreibt eine Beratungsmechanik und Entscheidungsfindung, die einer modernen Gesellschaft eigentlich unwürdig ist. Die Runde und ihr Chef, sie kennen nur ein Ziel, nämlich den Chef zufriedenzustellen. Und der hat vor allem ein Thema, und das ist er selbst. Wie er wurde, was er ist, wie er so dasteht, warum die sich irren, die ihn kritisieren, während die richtigliegen, die ihm anhängen. Von seinen persönlichen Interessen und Meinungen unabhängige Sachfragen, politische Ziele oder Themen, die auf Anregung anderer aufkommen, all das gibt es in den entscheidenden Runden gar nicht. Sarko ist zufrieden, wenn er allgemein gut da steht und politisch nichts zu befürchten hat. Risikovermeidung wird das zentrale Stichwort aller, und das funktioniert nun einmal am besten, wenn man sich mit den bestehenden Verhältnissen, der hohen Verwaltung und den unsichtbaren Kraftlinien der Republik gutstellt.

So beantwortet das Buch eine auch für die aktuelle politische Lage in Frankreich wichtige Frage: Warum wurde politisch so wenig aus der damals mit solch enormem Schwung begonnenen Amtszeit Sarkozys? An einer Schwäche der Exekutive lag es nicht, dem Leser wird klar, dass der Élyséepalast in Frankreich nahezu alles kann, vermutlich wird dort auch das Wetter irgendwie gesteuert. Doch Sarko wollte keine Reformen. Er hätte ungünstige Demonstrationen und eine anhaltend schlechte Presse nicht ertragen. Stattdessen hielt er sich an einen anderen schattenhaften Berater, den schwer nach Rechts tendierenden Philippe Buisson. Der empfahl Sarko, den Staat schön stark und autoritär erscheinen zu lassen und auf die Themen zu setzen, die sonst der Front National abdeckt. Er riet, die Franzosen voneinander abzugrenzen - Ausländer gegen Inländer, Fleißige gegen Faule, Kriminelle gegen Anständige und so weiter, außerdem die Angst zu schüren, um Sicherheit versprechen zu können. Darauf, dass diese politische Tendenzentscheidung Sarkozys, die eben auch eine Absage an einen Kurs der wirtschaftlichen Reformen war, auch für ihn, den Vertreter eines linksliberalen Kurses der Öffnung, eine persönliche Konsequenz haben könnte, kommt Bénamou interessanterweise erst, als es zu spät ist.

Die Republik und der Zauber des Palastes

Jemand verbreitet Gerüchte, man unterstellt ihm Dinge, bald bemerkt er ungünstige Blicke, Betonungen und Grimassen, wenn er mit dem Präsidenten zusammen ist, und dann ist es irgendwann zu spät. „Du musst den Palast verlassen“, eröffnet ihm der damalige Generalsekretär Claude Guéant. Man bietet ihm einen Trostposten an, aber die Berufung zieht sich hin, gerät zur öffentlichen Demütigung. Doch er braucht das Geld, kann nicht einfach so gehen. Schließlich tut sich der Boden unter ihm auf, er rutscht in eine tiefe Krise, denn er kann es nicht verwinden, in der Gunst des mächtigen Mannes gefallen zu sein, versagt zu haben, nicht mehr dazuzugehören. Weder unter Rechten noch unter Linken findet er mehr Anschluss, er wird ein einsamer Mann in Paris.

Immerhin hat er ein wichtiges und berührendes Buch geschrieben. Die Republik, in deren Gründungsmythos der Sturm auf ein Gefängnis und die Öffnung der Paläste von außen erzählt wird, will vom Zauber des Palasts nicht ablassen. Wenn sich zeigt, dass das heute so nicht mehr funktioniert, wird die Schuld nicht bei dieser überkommenen, romantischen Monarchie gesucht, sondern beim jeweiligen Personal. Nicht dass die Macht besser verteilt werden muss, etwa unter den Verfassungsorganen, nicht, dass sie transparenter und dialogischer funktionieren muss, ist die Lehre, die viele in Paris aus der Dauerkrise ziehen, sondern dass nur der oder die Richtige gecastet werden muss, damit die Fotos vom Palast wieder glamourös erstrahlen. Man kann nur hoffen, dass beim nächsten Gruppenbild nicht eine gewisse blonde Dame in der Mitte stehen soll.

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