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Frankreichs Fehler : Im Körper der Macht

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Wie in einem Zustand der Hörigkeit

Wie der Palast in seinem Inneren funktioniert, welche Zwänge in ihm herrschen, aber was man mit den dortigen Mitteln auch bewegen kann, wie sich die Welt verändert, wenn man dort einzieht und was das mit den Menschen macht, davon erzählt nun ein Buch, ein Erlebnisbericht mit dem schönen Titel „Comédie française“ (Fayard). Der Autor Georges-Marc Bénamou, Jahrgang 1957, wurde in den achtziger Jahren als Gründer des linksliberalen Magazins „Globe“ und engagierter Publizist bekannt. Der damalige Präsident François Mitterrand wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn in den Palast ein. Bénamou wurde zum regelmäßigen Besucher und Biographen des kranken alten Mannes, verhedderte sich auf der Suche nach der historischen Wahrheit Mitterrands in der Vichy-Zeit und hatte zunehmend private Probleme. Aus diesen Besuchen im Palast am Ende einer Ära wurden ein Buch und ein preisgekrönter Film von Robert Guédiguian, „Letzte Tage im Elysee“, mit dem 2005 die Berlinale eröffnet wurde. Bénamou arbeitete später als Sachbuchautor und gehörte zu jenen Vertretern der linksliberalen Intelligenz, die Nicolas Sarkozy auf seinem ungestümen Weg in den Élyséepalast begleiteten. Mit großer literarischer Fertigkeit gelingt es ihm, noch mal das damals allgegenwärtige Gefühl des Aufbruchs zu beschwören: Was war, nach den stillen Jahren unter Chirac und der Morbidität der späten Mitterrandjahre, deren bester Zeuge Bénamou ist, nun nicht alles möglich?

Das Land sollte moderner werden, offener, schneller und schlanker. Die Wirtschaft und die Verwaltung sollten reformiert werden. Und rasant sind auch die ersten Tage des Conseiller spécial, zuständig für Medien und Kultur: Darum bekommt er von der Palastverwaltung nicht nur ein Mobiltelefon, sondern gleich zwei, ebenso nicht bloß einen, sondern gleich zwei Fahrer, einen für Termine tagsüber und „einen für die Nächte!“. Und mit dieser Ernennung wird er zu einem der begehrtesten Männer der Republik: Die tollsten Einladungen mit den besten Plätzen stapeln sich in seinem Sekretariat, berühmte Menschen flippen aus, wenn sie ihn sehen, betteln um einen Termin, Reiche bieten ihm ihr Ferienhaus an. Und er hat echte Macht: Parlamentsfraktion, Regierungspartei und selbst die Minister sind bloß Statisten der Politik, alle Fäden laufen im Palast zusammen. Ein Berater, der ja selbst kein Mandat von den Wählern hat, spricht stets das letzte Wort. Beziehungsweise das vorletzte, denn dann kommt er.

Bénamou beschreibt in beklemmenden Szenen, wie ganze Gruppen von Ministern, Mitarbeitern und anderen erwachsenen Männern und Frauen wie in einem Zustand der Hörigkeit den Worten Sarkozys lauschen. Sie spitzen die Ohren nach einem Unterton, achten auf Gesten und Zuckungen, die darüber Auskunft geben könnten, wie die eigene Gunst derzeit steht. Der Körper des Präsidenten ist ihnen, was der Dax-Ticker für Anleger ist: eine rasche Folge an Hinweisen, die recht gedeutet werden wollen.

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