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Broder antwortet auf Bahners : Heiteres Antisemitenraten

  • -Aktualisiert am

Wir haben keinen zuverlässigen Lackmustest

Wer hier wem das Wort verbieten möchte, ist also offensichtlich. Aber Bahners dreht den Spieß um und schreibt: „Ein Sieg Broders vor Gericht wäre daher nicht einfach als Sieg der Meinungsfreiheit einzustufen. Seine preisgekrönte publizistische Strategie der verbalen Aggression nutzt den Spielraum der Meinungsfreiheit, um ihn einzuschränken: Kritiker Israels sollen eingeschüchtert werden.“

Man kann diesen Satz sicher unterschiedlich interpretieren. Für mich hört er sich so an, als würde Bahners Partei ergreifen – für die Meinungsfreiheit und gegen mich, der ich die Freiheit der Meinungsäußerung dazu missbrauche, Israel-Kritiker einzuschüchtern, indem ich ihnen Antisemitismus vorwerfe. Was aber, wenn ein „Israel-Kritiker“ in der Tat ein verkappter Antisemit ist und seine Haltung nur als „Antizionismus“ beziehungsweise „Israel-Kritik“ deklariert? Ist zum Beispiel ein Geraune von der „Israelisierung der Welt“, von einer „jüdisch-israelischen Lobby“ noch eine „israelkritische“ Aussage oder schon ein antisemitisches Statement, das die Idee einer jüdischen Verschwörung aufgreift? Soll ein Gericht darüber entscheiden, wo Israel-Kritik aufhört und wo Antisemitismus anfängt? Oder hat Bahners einen zuverlässigen Lackmustest für diese Frage entwickelt? Er schreibt: „Der Antisemitismusvorwurf eignet sich zum moralischen Totschlag. Wer die Beschreibung eines Gegners als eines Antisemiten durchsetzen kann, hat ihn aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen.“

Der Antisemitismus geht mit der Zeit

Diese „Antisemitismus-Keule“ gibt es tatsächlich, nur dient sie nicht dazu, Israel-Kritiker einzuschüchtern, die ganz munter und ungeniert agieren, sie dient primär dazu, die Debatte über einen Antisemitismus zu verhindern, der smarter und subtiler ist als derjenige, den die Nazis praktiziert haben. Wie jedes Ressentiment geht auch der Antisemitismus mit der Zeit. Sich von dem Antisemitismus der Nazis zu distanzieren, ist heute eine der Voraussetzungen, um einen sauberen Antisemitismus praktizieren zu können, der nicht mit Auschwitz assoziiert wird.

Was Bahners als „Israel-Kritik“ verteidigt, deklariert sich selbst als „Antizionismus“, und der ist die moderne, politisch korrekte Version des durch die Nazis in Verruf gebrachten Antisemitismus. Es gibt zum „Antizionismus“ keine Analogie und keine Parallele. Es gibt keinen „Antigermanismus“, der, wenn es ihn gäbe, unter dem Vorwand der „Deutschland-Kritik“ den Deutschen das Recht auf eine nationale Existenz absprechen und ihnen raten würde, sich mit denjenigen zu arrangieren, die sie vernichten wollen.

Auch mit diesem Argument kann man jede Debatte im Keim ersticken

Nun ist es in der Tat so, dass man Antisemitismus im Gegensatz zu Volt, Watt oder Ampere nicht objektiv definieren kann. Der rassische Antisemitismus artikuliert sich anders als der politische, der rechte anders als der linke und der religiöse anders als der aufgeklärte. Es gab Nazis, die keine Antisemiten waren und Antisemiten, die mit den Nazis nichts zu tun hatten. Es gibt sogar Antisemiten, die mit Juden befreundet sind. Einen kleinsten gemeinsamen Nenner bietet eine „Definition“, die aus den Vereinigten Staaten kommt: „Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich normal ist.“ Bahners freilich skandalisiert nicht den Antisemitismus, sondern den Antisemitismusvorwurf als Mittel des moralischen Totschlags. Mit diesem Argument kann man jede Debatte im Keim ersticken.

Für einen Deutschen ist es höchst unangenehm, mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert zu werden. Nur eines wäre noch unangenehmer: wenn der Vorwurf zutreffen würde.

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