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Broder antwortet auf Bahners : Heiteres Antisemitenraten

  • -Aktualisiert am

Die Frage war falsch gestellt

Das ritualisierte Gerede von der „Singularität“ des Holocaust hat auch dazu geführt, dass die Entscheidung darüber, was Antisemitismus ist, noch immer beim Reichssicherheitshauptamt liegt. Antisemitismus ist das, was die Nazis mit den Juden angestellt haben. Wer die Messlatte so hoch hängt, sorgt dafür, dass faktisch alles unterhalb eines Massenmordes ungehindert passieren kann. Im Falle eines jungen Messerstechers, der einen Frankfurter Rabbiner schwer verletzt hatte, verneinte das Gericht eine antisemitische Motivation und wollte vom Angeklagten wissen, ob es der Rabbiner war, der ihm in das Messer gelaufen ist. Aber nicht nur Juristen scheinen mit der Frage, „Was ist Antisemitismus?“ überfordert, Journalisten sind es auch. Sogar die besseren unter ihnen.

Letzte Woche hat Patrick Bahners in der F.A.Z. die Frage gestellt: „Was darf eine Jüdin in Deutschland gegen Israel sagen?“ und damit die Debatte eine Runde weiter gedreht (siehe auch: Rechtsstreit: Was darf eine Jüdin in Deutschland gegen Israel sagen?). Die Frage war falsch gestellt. Es geht nicht darum, was „eine Jüdin“ in Deutschland gegen Israel sagen darf, sondern darum, was man über eine beliebige Person sagen darf, in deren Vorstellungswelt das jüdische Kollektiv in Israel an die Stelle des individuellen Juden getreten ist. Ob es also einen sauberen, einen unschuldigen Antizionismus geben kann, der nicht antisemitisch eingefärbt ist. Über diese Frage wird in der Bundesrepublik seit langem heftig diskutiert, nun soll sie von einem Gericht entschieden werden.

Qualifikation Tochter

Die Person, um die es geht und deren Partei Bahners ergreift, ist die erwachsene Tochter eines früheren Vorsitzenden der Berliner jüdischen Gemeinde und des Zentralrates der Juden in Deutschland. Sie ist bis jetzt das einzige Kind, das nur einen Vater und keine Mutter hatte, denn wo immer sie auftritt, stellt sie sich als die Tochter ihres Vaters vor, ohne die noch lebende Mutter auch nur zu erwähnen, beziehungsweise: So lässt sie sich vorstellen. Der Vater ist ihr claim to fame und ihre einzige Qualifikation. So auch vor einigen Wochen in der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ des WDR zum sechzigsten Jahrestag der Gründung Israels, wo „die Tochter“, wie sie inzwischen allerorten genannt wird, die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der Politik der Nazis gegenüber den Juden verglich. Sie sprach auch von einer „jüdisch-israelischen Lobby“, vor der Politiker und Medien in aller Welt kuschen würden, und stellte ihre eigenen Verdienste im Kampf gegen diese Lobby heraus, die es darauf abgesehen habe, sie mundtot zu machen.

Eine solche Meinung zu haben und sie auch – vorzugsweise in Leserbriefen – zu äußern, ist das gute Recht der „Tochter“. Die Frage ist nur, ob das in einem öffentlich-rechtlichen Medium passieren muss, wo sich lange niemand mehr so nahe an die „Protokolle der Weisen von Zion“ herangerobbt hat.

Es sind schon absurdere Fälle vor deutschen Gerichten verhandelt worden

Deswegen bat ich die Intendantin des WDR um Aufklärung darüber, warum „eine hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau, die für niemanden spricht außer für sich selbst und dabei auch nur Unsinn von sich gibt“, in die Sendung eingeladen wurde, eine Fachfrau, deren Spezialität „antisemitisch-antizionistische“ Statements sind. Worauf sie eine einstweilige Verfügung gegen mich erwirkte, in der mir untersagt wird, ihr „antisemitische“ Statements zu unterstellen. Gegen die Bewertung als „hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau“ hatte sie keine Einwände, auch nicht gegen das Adjektiv „antizionistisch“.

So weit, so gut. Natürlich ist es ihr gutes Recht, das Gericht in einer Sache zu bemühen, über die auf dem Marktplatz der Meinungen gestritten wird, in der Hoffnung, es werde zu ihren Gunsten entscheiden. Würde jemand behaupten, die Erde sei eine flache Scheibe, könnte auch er anschließend gegen Verleumder, die seine Kompetenz in Frage stellen und ihn einen „Antiaufklärer“ nennen, die Justiz um Hilfe bitten. Es sind schon absurdere Fälle vor deutschen Gerichten verhandelt worden.

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