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Britische Unis schlagen Alarm : Lebenslang online

Noch leerer als sonst: Der Rasen in Cambridge Bild: AFP

Britische Hochschulen rechnen damit, dass die Beschränkungen anhalten werden. Weil die besser zahlenden ausländischen Studenten wegfallen, fehlt es vorne und hinten an Geld. Und jetzt?

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          Unter dem britischen Fernsehangebot der letzten Wochen sorgte die Verfilmung des Bestsellers „Normale Menschen“ des irischen Nachwuchstalentes Sally Rooney für Gesprächsstoff, auch wegen der Sexszenen des jungen Paares, zunächst während der Schulzeit und dann im Studium am Trinity College in Dublin. Ironischerweise läuft die Fernsehbearbeitung dieses Campus-Romans gerade in einer Zeit über die Bildschirme, da Studierende allenfalls Online-Vorlesungen wahrnehmen können und auf physische Nähe verzichten müssen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Britische Hochschulen stellen sich darauf ein, dass die Corona-bedingten Beschränkungen anhalten werden. Die Universität Cambridge hat als Erste bestätigt, dass sie plant, sämtliche Vorlesungen im kommenden akademischen Jahr virtuell stattfinden zu lassen. Die Universität Manchester will es im ersten Semester ebenso halten; man erwartet, dass andere diesem Modell folgen werden. Mit ihren Ankündigungen entsprechen die Universitäten der Forderung der Aufsichtsbehörde nach Klarheit über das Lehrprogramm, damit Bewerber wissen, was sie erwartet, bevor sie entscheiden, ob sie das Studienplatzangebot annehmen.

          Cambridge hofft, zum Beginn des akademischen Jahres möglichst viele Studenten in der Stadt zu begrüßen und ihnen eine „reiche Studiumserfahrung“ bieten zu können. Dazu gehöre, wie es hieß, das Präsenzlernen in kleinen Gruppen und Seminaren ebenso wie gestaffelte Laborarbeit mit räumlicher Distanzierung. In einer den Medien zugespielten Mitteilung legte die für das Lehrprogramm Zuständige den Lehrenden jedoch nahe, über Fernunterricht nachzudenken, falls einige Studenten nicht nach Cambridge kommen könnten oder sie durch eine abermalige Ausgangssperre in ihren Colleges festsäßen.

          20 Prozent der Studenten aus dem Ausland

          Die Hochschulen sind aufs Höchste alarmiert von den finanziellen Auswirkungen des Wegbleibens ausländischer Studenten, die sie in den letzten Jahren heftig umwarben, weil sie wesentlich höhere Studiengebühren zahlen als die 9250 Pfund im Jahr, die englische Studenten entrichten. Der erwartete Rückgang von 47 Prozent des Auslandskontingents, das zwanzig Prozent der Studentenschaft entspricht, bedeutet einen Einkommensverlust von 1,5 Milliarden Pfund.

          Eine Umfrage, wonach fast ein Fünftel der einheimischen Studienbewerber erwägt, ihr Studium um ein Jahr zu verschieben, bis sich die Lage beruhigt habe, bereitet den Rektoren zusätzliches Kopfzerbrechen. Sie befürchten ähnliche Einbrüche wie der kulturelle Sektor. Sonia Friedman, die erfolgreiche Produzentin der kommerziellen Bühnen des Londoner West-End, unkte, siebzig Prozent der Unternehmen im Bereich darstellende Kunst würden bis Jahresende ohne ein staatliches Rettungspaket eingehen. Renommierte Institutionen wie das Old Vic Theatre und das Globe Theatre, das nach den Worten des konservativen Abgeordneten Julian Knight, dem Vorsitzenden des parlamentarischen Kulturausschusses, „nicht nur Teil unser nationalen Identität ist, sondern auch ein führendes Modell für den großen Beitrag der Kultur zu unserer Wirtschaft“, warnten, sie stünden wegen der Corona-Krise vor der Insolvenz.

          Im Universitätssektor gibt es jedoch Stimmen, die in der Pandemie die Chance eines überfälligen Korrektivs sehen. Dem pflichten nicht nur diejenigen bei, die schon seit Jahren die Überexpansion der britischen Hochschulen beklagen. Der renommierte Astronom Martin Rees, emeritierter Professor für Kosmologie und Astrophysik, schrieb in der „Times“, die gegenwärtige Turbulenz dürfe die Reformen in dem Sektor beschleunigen, der größere Flexibilität brauche, nicht nur hinsichtlich des Lehrplans, den er für zu eng hält.

          Rees fordert eine Abkehr von der Vorstellung, wonach die Regelstudienzeit von drei Jahren das Ziel sei. Er plädiert für Teilzeitstudiengänge, lebenslanges Lernen und die Möglichkeit, die Lehrsequenzen von Online-Unterricht und Präsenzlernen auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden zu können. In einem Gespräch mit der Universitätszeitung „Varsity“ signalisierte einer der stellvertretenden Rektoren, die aus der Not entstandenen Veränderungen könnten den Weg in eine Zukunft weisen, in der integriertes Lernen stärker Fuß fasse. Das Ideal der ganzheitlichen Ausbildung mit Campus-Erfahrung wird freilich nicht erwähnt. Auch die Gattung des Campus-Romans wird sich an neuen Stoffen nähren müssen.

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