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Britannien und der Mord an Jo Cox : Ministerien der Angst

Flagge und Blumen unweit des Ortes, an dem die britische Labourabgeordnete tödlich verwundet wurde. Bild: dpa

Die Zuspitzung auf eine Frage des Überlebens, Erinnerungen an den Kampf um Unabhängigkeit in den Kolonien: Großbritannien diskutiert den Brexit, den Mord an Jo Cox und fragt: Warum zerbrach dieses Leben?

          Die Fahnen stehen auf halbmast, und für kurze Zeit ist die dichte Giftwolke, die das Klima der britischen Inseln in den letzten Wochen verpestet hat, durch betroffene Stille verweht worden. Noch sind die Motive des Mörders der Abgeordneten Jo Cox, der „Britain First“ gerufen haben soll, unklar. In den Schock über den jähen Tod einer Ausnahmeerscheinung in der britischen Politik und die Brutalität des Verbrechens mischt sich beinahe greifbarer Ekel über den Ton der Referendumsdebatte. Der Ehemann von Jo Cox hat die Nation ermahnt, im Sinne seiner Frau den Hass zu bekämpfen, und die Labour-Politikerin Yvette Cooper sprach am Freitag von einem zunehmend destruktiven Vitriol in der öffentlichen Debatte. Leidenschaft sei gut, Auseinandersetzung wesentlich und Zorn womöglich unvermeidlich, sagte die ehemalige Ministerin; doch meine sie jetzt mehr Gehässigkeit zu spüren im politischen Diskurs. Es ist, als hätte sich durch dieses Verbrechen im Bewusstsein ein Unbehagen kristallisiert, das sich bereits vorher bemerkbar gemacht hatte, aber erst jetzt artikuliert wird.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In der Volksabstimmung von 1975, die ein für alle Mal entscheiden sollte, ob Britannien in Europa bleiben solle, ging es hoch her. Auch damals diente das Plebiszit als Vorwand für die Ablenkung von innerparteilichem Zwist, auch damals versuchten die beiden Lager die Wähler durch Schreckensszenarien zu mobilisieren. Der demagogische Labour-Politiker Tony Benn, der als Industrieminister warnte, dass eine halbe Million Stellen verlorengehen und Lebensmittelpreise in die Höhe schnellen würden, wenn Britannien dem Gemeinsamen Markt beitrete, erhielt den Beinamen „Minister der Angst“, so wie die „Remain“-Kampagne jetzt von der Gegenseite als „Projekt Angst“ verschrien wird.

          Bei aller Emotion blieb die damalige Auseinandersetzung jedoch frei von dem bitteren Affekt, der bereits vor zwei Jahren das Für und Wider in der schottischen Unabhängigkeitsfrage kennzeichnete und jetzt ähnlich virulent zum Vorschein kommt. Diese Gehässigkeit wird mitunter auf das Internet zurückgeführt, das die Menschen dazu ermutige, unter dem Schutz der Anonymität ihre Meinung ohne die Hemmungen der Twitter-Gemeinde zu verbreiten, mit der Unterstellung, dass die Rhetorik der „Brexit“-Kampagne die Online-Rage schüre und rechtsextreme Elemente fördere. Als Beispiel gilt das jüngste Plakat des rechtspopulistischen Nigel Farage, das unter dem hetzerischen Schlagwort „Brechpunkt“ eine große Menge dunkelhäutiger Flüchtlinge an einem Grenzübergang zeigt und nahelegt, dass diese Menschen auch die Festung Britannien stürmen würden, wenn das Land in der EU bleibe.

          Versagen von Eliten und Parteien

          Der Publizist Alan Massie berief sich in einem Kommentar zu dem „infamen Tag“ des Mordes an Jo Cox ebenfalls auf dieses Plakat. Man könne zwar Farage und die „Brexit“-Kampagne nicht die Schuld am Tod der Abgeordneten zuweisen, doch seien sie verantwortlich für die Art und Weise, in dem sie ihr Argument vorgetragen hätten. Wenn man fortlaufend „Brechpunkt“ schreie, dürfe man sich nicht wundern, wenn jemand zerbreche. Wenn man Politik als eine Frage von Leben und Tod, als eine Frage des nationalen Überlebens darstelle, dürfe man nicht überrascht sein, dass jemand einen beim Wort nehme, schrieb Massie in einem Blog für die konservative Wochenzeitschrift „Spectator“, deren jüngste Ausgabe auf der Titelseite unter der Schlagzeile „Raus und in die Welt“ einen britischen Schmetterling zeigt, der sich aus dem Kokon der EU freifliegt.

          Es ist bezeichnend, dass die sich ständig auf die Größe der Nation berufende „Brexit“-Kampagne mit plakativen Sprüchen wie dem, dass der 23. Juni der Tag der Unabhängigkeit sei, dieselben Begriffe verwendet wie einst die Kolonien, als sie danach strebten, das Joch des britischen Empire abzulegen. Das Schlagwort „take control“, das auch auf Farages Anstoß erregendem Plakat erschien, findet freilich auch bei einer politikverdrossenen Wählerschaft Resonanz, die an der Glaubwürdigkeit zweifelt und sich marginalisiert fühlt durch das Empfinden, dass ihre Stimme nicht gehört werde, und deswegen Hoffnung schöpft aus der Aussicht auf mehr Selbstbestimmung. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel trifft wohl den richtigen Punkt, wenn er die Energie, die das „Brexit“-Sentiment befeure, auf das Versagen der Eliten und der etablierten politischen Parteien zurückführt. Selbst wenn der Mord an Jo Cox nicht politisch motiviert gewesen sein wollte, wird er als Symbol der von der Presse noch geschürten Rage aufgefasst, die in der „Brexit“-Kampagne entfesselt worden ist.

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