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Was ist „Präsentismus“? : Ein Begriff macht Karriere

Apparate verschaffen Nutzern die Möglichkeit, an mehreren Orten und in mehrerlei Selbst zugleich zu sein. Bild: Apple Watch

Im Deutschen meint das Wort „Präsentismus“ meist das Verhalten von Angestellten, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen. In den englischsprachigen Wissenschaften bedeutet „presentism“ etwas anderes. Bringt dieser Begriff unsere digitalisierte Ära auf den Punkt?

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          Ist das nun das Wort, mit dem unsere digitalisierte Ära auf den Punkt gebracht ist: „Präsentismus“? Man kann damit rechnen, dass von dem Begriff demnächst noch öfter die Rede sein wird, denn vergangene Woche trafen sich zehn ausgewiesene amerikanische und deutsche Kulturtheoretiker zu einer von den Universitäten Stanford und Lüneburg ausgerichteten Sommerakademie in Berlin, um gleich dagegen, „Against Presentism“, Stellung zu nehmen, dabei also den Eindruck zu erwecken, als verstünde sich von selbst, was damit gemeint sei. Tatsächlich soll schon die erste Assoziation die richtige sein: Die Art und Weise, wie über die Digitalisierung geredet wird, befördere ein ahistorisches Denken; wenn alles, was auf der ganzen Welt passiert und was jemals passiert ist, digital in jedem Augenblick verfügbar sein und tendenziell eine augenblickliche Reaktion erheischen soll, lösen sich Geschichte und Zukunft gleichermaßen, die Zeit überhaupt, auf und machen einer ewigen Gegenwart Platz. Mit noch unabsehbaren Konsequenzen für die Geisteswissenschaften, aber auch für die Gesellschaften und deren Selbstverständigung über politische Ziele.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch der Begriff ist eigentlich schon besetzt. Auch wenn man davon absieht, dass im Deutschen „Präsentismus“ meist das Verhalten von Angestellten meint, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, sind in den englischsprachigen Wissenschaften mindestens schon zwei Bedeutungsfelder des Worts vorhanden. In der Philosophie bezeichnet „presentism“ die seit etwa 25 Jahren diskutierte ontologische These, dass nur die gegenwärtige Zeit und die gegenwärtigen Dinge existieren. Und in den Geschichtswissenschaften ist es ein meist kritisch gemeinter Begriff für das anachronistische, mit gegenwärtigen Kategorien operierende Reden über die Vergangenheit; seit 1950 wird unter diesem Titel auch darüber diskutiert, inwiefern alle Geschichtsschreibung nicht notwendigerweise durch die Gegenwart des Schreibenden geprägt ist.

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