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Plus Size Models : Ein neuer Tiefpunkt der Kurvendiskussionen

Würden Sie diese Dame für ein Plus Size Model halten? Robyn Lawley trägt angeblich Größe 42. Bild: Picture-Alliance

Sogenannte Plus Size Models landen immer häufiger auf den Magazincovern. Wächst die Akzeptanz für Körper jenseits bisheriger Schönheitsnormen wirklich?

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          Früher hießen sie Übergrößenmodels. Übergröße, so als könnte es alles andere unter sich begraben. Übergröße, so als wäre alles oberhalb von 36 nicht mehr einfach nur eine Konfektionsgröße, sondern ein Sonderfall. Nun tragen allerdings 87 Prozent der Frauen Kleidung in Größe 38 und darüber. Es ist durchaus ein kluger Schachzug der Modebranche, dafür zu sorgen, dass auch sie sich in irgendeiner Form gesehen und abgebildet fühlen. Deshalb landen sogenannte Plus Size Models immer häufiger auf den Magazincovern. Im Februar schaffte die Amerikanerin Ashley Graham es sogar als Erste auf die Titelseite der legendären, jährlich erscheinenden Bikini-Ausgabe der Zeitschrift „Sports Illustrated“.

          Das klingt erst mal alles ganz wunderbar. Nie wieder Selbsthass auf der Waage! Nie wieder Salat ohne Dressing! Ob schlaksig oder dick, theoretisch kann es jetzt jede Frau auf ein Cover schaffen - immer noch vorausgesetzt, sie ist so anbetungswürdig schön wie Ashley Graham. Man könnte das fast als einen Schritt hin zur Akzeptanz jedweder Körperform verstehen. Deshalb wird der Erfolg von Plus Size Models gemeinhin bejubelt. Die Heldinnen der Branche haben es sogar schon so weit geschafft, dass sie über Etiketten diskutieren: Plus Size, das klinge nicht gut, Curvy Models wollen viele genannt werden. Eine solche Bezeichnungsdebatte kennzeichnet ja zumeist den Zeitpunkt der Etablierung einer Gruppe. Sie haben es also geschafft. Aber das für einen gesellschaftlichen Fortschritt zu halten ist ein kapitaler Fehler.

          Plus Size Model Ashley Graham

          Das fängt damit an, dass Models ab Größe 38 als Plus Size kategorisiert werden. Nun ist das aber bei einer Frau von 188 Zentimetern Körpergröße wie dem Model Robyn Lawley mehr ihrer schieren Länge geschuldet als ihrem Umfang: Ein T-Shirt in 34 wäre ihr schlicht viel zu kurz. Deshalb kursieren im Internet Fotos von Robyn Lawley im Bikini, unter denen Frauen sinngemäß kommentieren: Wenn das ein Plus Size Model ist, dann bin ich wohl fett. Es drängte sich der Eindruck auf, dass Plus Size lediglich als Umschreibung für „superschlank mit großen Brüsten“ dient. Angeblich trägt Robyn Lawley Größe 42. Man muss annehmen, dass die Kleidung recht lose fällt. Riesengroße, schlanke Frauen als Plus Size Models zu bezeichnen - wem soll das helfen, den eigenen Körper zu akzeptieren? Wer soll da denken, danke, endlich mal eine, die ein bisschen mehr aussieht wie ich? Profi-Basketballerinnen vielleicht?

          Model Angelina Kirsch hat Kleidergröße 42/44 und ist damit ein erfolgreiches Model. Jetzt sucht sie bei RTL II kurvige Models, die in ihre Fußstapfen treten.

          Dabei tun die Models selbst alles, um sich für das einzusetzen, wofür die amerikanische Diskursetikettiermaschine den Begriff Body Acceptance geprägt hat. Nicht wenige von ihnen begannen ihre Karriere als normal dünne Models; einige von ihnen überwanden Bulimie oder Magersucht und arbeiteten anschließend mit ihrem etwas höher liegenden Wohlfühlgewicht weiter. Bei jeder Gelegenheit propagieren sie, man solle seinen Körper lieben und schön finden. Man kann ihnen wirklich nichts vorwerfen. Aber natürlich findet sich doch immer jemand, der das tut. Ashley Graham etwa nahm im Sommer ab und zeigte sich auf einigen Instagram-Fotos schlanker als zuvor. Von ihrer bisherigen Größe 44 war nichts mehr zu sehen. Sofort hagelte es böse Kommentare: Du hast doch immer behauptet, du fändest dich schön, war das etwa gelogen? Als gäbe es nicht viele Gründe zum Abnehmen und als würde es immer beabsichtigt geschehen. Womöglich hatte Ashley Graham Liebeskummer oder ein Magen-Darm-Virus, wir werden es nicht erfahren.

          Das also hat uns dieser Trend gebracht: Es gibt jetzt nicht nur Frauen, die sich rechtfertigen müssen, warum sie zu dick sind, sondern auch Frauen, die sich entschuldigen müssen, wenn sie ein bisschen abgenommen haben. Das hat mit Body Acceptance nichts zu tun, im Gegenteil. Es ist ein gesellschaftlicher Rückschritt. Und das ist nicht der einzige Auswuchs des Phänomens, wie die neue Show „Curvy Supermodel“ mittwochs auf RTL2 zeigt, eine Art alternatives „Germany’s Next Topmodel“. Dort nämlich trat in der ersten Sendung eine Frau an, die nicht straff durchtrainiert war, sondern aussah, wie Millionen Frauen nun mal aussehen, denen Essen mehr Spaß macht als Step-Aerobic. Prompt sagte Jurymitglied und Modelagent Ted Linow mit hämischem Unterton in die Kamera, Curvy Models „sollen nicht aussehen wie ein Wackelpeter“. Eine Kandidatin erklärte wiederum, sie möge ihren Körper, „weil ich keinen Bock habe, auszusehen wie die ekelhaften Hungerhaken, die bei anderen Sendungen mitmachen“.

          Tess Holliday gilt als das dickste professionelle Model.

          Wackelpeter und ekelhafte Hungerhaken: Die Beschimpfungen weiblicher Körper gehen einfach nur weiter, aber jetzt in alle Richtungen. Einer der im Internet kursierenden Kampfsätze lautet: „Echte Frauen haben Kurven“, ursprünglich der Titel einer Hollywood-Komödie, der sich verselbständigte. Dieser Satz ist die reine Gemeinheit gegenüber dünnen Frauen, denen damit ihre Weiblichkeit abgesprochen wird. Es wird offenbar noch eine Weile dauern, bis die Benennung von Schönheit nicht immer auch die Benennung angeblicher Hässlichkeit zur Abgrenzung erfordert.

          Das schlechte Gewissen

          Dabei sind immer wieder gute Ansätze erkennbar. „Eff your beauty standards“, vergiss deine Schönheitsnormen - so heißt eine Bewegung, die das Plus Size Model Tess Holliday im Internet gestartet hat. Ein guter Satz, denn er gilt für alle. Holliday wurde als das dickste Model bekannt, das jemals von einer Agentur unter Vertrag genommen wurde: Sie wiegt 117 Kilo bei einer Größe von 165 Zentimetern und trägt Größe 50. Die italienische „Vogue“, sicherlich nicht bekannt als Vorreiterin von Body Acceptance, druckte Fotos von ihr. Die Bilder sind offensichtlich stark am Computer bearbeitet, aber das gilt auch für die Aufnahmen dünner Models in der „Vogue“.

          Für die Mutter aller Modemagazine ist Tess Holliday also schön genug. Das schützt allerdings nicht vor Demütigungen. Im Mai wollten die Veranstalter der australischen Talkshow „Cherchez la Femme“ auf Facebook für eine Veranstaltung zum positiven Körperbild von Frauen werben. Dazu wählten sie ein Foto von Tess Holliday aus. Doch Facebook verweigerte dessen Veröffentlichung. Offizielle Begründung: „Werbung wie diese ist nicht erlaubt, da sie dem Zuschauer ein schlechtes Gefühl über sich selbst vermittelt.“ Nun könnte man lange darüber philosophieren, wie Frauen sich eigentlich fühlen, wenn sie in sämtlichen Werbeanzeigen nur Frauen sehen, die schlanker sind als sie selbst. Der Punkt ist allerdings ein anderer: Solange irgendjemand findet, man müsse die Menschheit vor dem Anblick dicker Frauen schützen, liegt noch ein langer Weg vor uns.

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