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Brief aus Istanbul : Folterinstrument Hubschrauber

  • -Aktualisiert am

Black-Hawk-Hubschrauber der dem Innenministerium unterstellten Generalkommandantur der Gendarmerie bei einem Technologie-Festival in Istanbul im September 2019 Bild: Picture-Alliance

In der Türkei wurde in den letzten Tagen über zwei Hubschrauber-Geschichten gesprochen: In der einen geht es um einen der schlimmsten Fälle von Folter seit langem – in der anderen um die Gefälligkeit eines Generalstaatsanwalts.

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          Der Verlauf von Folter und Misshandlungen in der Türkei gleicht einem Elektrokardiogramm. Die Anzahl der Folterungen, von praktisch allen Regierungen abgelehnt, bildet eine stabile horizontale Linie. In Zeiten der Krise aber schlägt diese Linie heftig nach oben aus. Vor allem bei Militärputschen und in Phasen verstärkter Einsätze im Anti-Terror-Kampf nehmen Folterungen stark zu. Auch wenn die Türkei derzeit nicht von einer Militärjunta regiert wird und die Gefechte mit der PKK im Vergleich zur Vergangenheit eher selten sind, nimmt die Häufigkeit von Folter und Misshandlungen signifikant zu. In den letzten Jahren wurden gemeldete Vorwürfe kaum ernsthaft verfolgt, Fehlverhalten von Staatsdienern wurde kaum geahndet. Das hat zu weit schlimmeren Vorfällen geführt. Vor ein paar Jahren mussten wir mit ansehen, wie ein Verdächtiger, der bei einer Antiterroroperation festgenommen worden war, an ein Polizeiauto gebunden durch die Straßen geschleift wurde. Und von einigen Gülen-Anhängern, die nach dem Putschversuch von 2016 von der Polizei entführt wurden, fehlt nach wie vor jede Spur. Doch was sich vor wenigen Wochen zugetragen haben soll, dürfte als eines der schlimmsten Beispiele für Folter in die Geschichte der Türkei eingehen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Am 11. September verschwanden zwei Bauern in der Provinz Van im Osten der Türkei. Zwei Tage suchten ihre Familien nach ihnen, dann fanden sie Osman Şiban und Servet Turgut in der Intensivstation des staatlichen Krankenhauses. Die Männer hatten schwere Brüche am ganzen Körper, waren außerstande zu sprechen und litten unter Gedächtnisverlust. Dem ersten Bericht des Krankenhauses zufolge rührten die schweren Verletzungen der beiden Bauern daher, dass sie aus einem Hubschrauber geworfen worden waren. Zuvor hatten Soldaten sie festgenommen. Dafür gibt es Zeugen. Diese bestätigen auch, dass die Männer kurz nach der Festnahme aus einem Hubschrauber geworfen wurden. Der Staat schwieg zunächst zu diesem schweren Vorwurf. Erst auf verstärkten Druck der Öffentlichkeit hin gab die Präfektur von Van ein Statement ab: „Sie missachteten die Aufforderung, stehenzubleiben, und verletzten sich, als sie auf felsigem Gelände stürzten.“ Allerdings finden sich am Ort des Geschehens keine Felsen.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Der offiziellen Erklärung zufolge sind die beiden Bauern bei der Flucht auf grüner Wiese gestürzt und ins Koma gefallen. „Gefallen und sich beim Sturz verletzt beziehungsweise gestorben“ gehört zu den häufigsten Szenarien des türkischen Staats zur Verschleierung von Folter. Vor Jahren war der Journalist Metin Göktepe von Polizeikräften zu Tode geprügelt worden, der ersten offiziellen Verlautbarung zufolge aber war er „von einer Mauer gefallen“.

          Servet Turgut, einer der Männer, von denen der Staat jetzt behauptet, sie wären von Felsen gestürzt, hat nach rund drei Wochen den Kampf ums Überleben verloren. Der andere ringt ohne Bewusstsein weiter mit dem Tod. Inzwischen wurde eine Untersuchung angeordnet, die klären soll, wie die beiden Bauern, die wegen des Verdachts der logistischen Unterstützung für eine terroristische Vereinigung festgenommen worden waren, „sich selbst verletzt“ hätten. Die Ermittlungen wurden der Geheimhaltung unterstellt, weshalb nicht bekannt ist, ob der Vorwurf, sie seien aus dem Hubschrauber geworfen worden, in die Akten aufgenommen wurde.

          Eine Operation, die nach Dank für den Palast riecht

          Um die Angelegenheit zu verschleiern, wurde in der Türkei verboten, darüber zu berichten. Inzwischen wurden sogar die vier kurdischen Journalisten, die über den Vorfall berichtet und ihn damit bekanntgemacht hatten, festgenommen. Auch mochte der Staat nicht einmal das übliche Zelt für Trauerbesuche für den Verstorbenen dulden. Polizei in Zivil stürmte das Zelt und verhinderte das Gedenken.

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