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Brexit und Popmusik : Ein Beispiel britischer Selbstüberschätzung

  • -Aktualisiert am

Die Rückkehr des Union Jack: Geri Haliwell von den Spice Girls. Bild: Getty

Die Selbsttäuschung, die zum Brexit führte, begann schon mit Robbie Williams und den Spice Girls: Seit Jahren reden wir Briten uns ein, auch im Pop immer noch das Maß aller Dinge zu sein. Ein Gastbeitrag.

          Am Abend des Referendums traten wir mit unserer Band Saint Etienne in Glasgow auf. Wir waren zu Al Greens „Let’s Stay Together“ auf die Bühne gegangen, hinter uns die Flagge der Europäischen Union – die einzige, vor der zu spielen für uns je in Frage gekommen wäre.

          Unsere Band hatten wir im Jahr 1990 gegründet, als die europäische Kooperation eine Selbstverständlichkeit war, ein progressives, humanistisches Ideal. Aus einem solidarischen Impuls heraus hatten wir uns damals nach einem französischen Fußballclub benannt.

          Am Morgen nach dem Konzert in Glasgow saßen wir dann wie betäubt schweigend beim Frühstück zusammen. Als wäre jemand gestorben: Anders kann ich es nicht beschreiben, wie wir uns fühlten. Ich habe jetzt gelesen, dass jeder dritte, der zur Wahl gegangen ist, in Tränen ausgebrochen sein soll, als das Ergebnis bekanntgegeben wurde.

          Von Anfang an war der Wahlkampf von Gefühlen gesteuert gewesen. Am Ende siegten Dummheit und Lügen. Jetzt, wo das Ergebnis klar ist, erfahre ich täglich von neuen Fakten, die niemand im Wahlkampf zur Sprache gebracht hatte, die aber die Entscheidung noch viel hirnrissiger machen: Zum Beispiel, dass Schweiz und Norwegen – die uns von den „Leave“-Befürwortern als Zukunftsmodelle präsentiert worden waren – einen höheren Anteil von EU-Ausländern pro Kopf verzeichnen als Großbritannien. Mich hat auch schockiert zu erfahren, dass Volksabstimmungen im Nachkriegsdeutschland abgeschafft wurden, weil sich eine binäre Entscheidung zwischen Entweder-Oder zu leicht fehlinterpretieren oder ausnutzen lässt.

          Angst macht sich breit

          Dass es Unmut geben könnte, falls die Entscheidung knapp ausgehen würde, das hatte man bislang nur im Falle eines Verbleibs befürchtet und diskutiert. Aber jetzt ist das Unglück riesengroß, und regelrechte Angst macht sich breit unter den 65 Prozent der Wahlberechtigten, die nicht für „Leave“ gestimmt haben.

          Die Entscheidung für den Brexit aber nicht als bindend zu betrachten, würde die äußerste Rechte anstacheln: Deswegen ist es wohl unwahrscheinlich, dass es so kommt – auch wenn man es rechtlich überzeugend begründen könnte. In der Zwischenzeit liegen die Medien und die großen politischen Parteien alle untereinander im heftigen Clinch – das ist zwar nichts Neues, aber damit kann man sich natürlich gut ablenken, statt sich mit der neuen Lage zu beschäftigen.

          Neue Jobs für alte Zollbeamte

          Was bedeutet das alles jetzt für britische Popmusik? Um mit dem praktischen anzufangen: Wir sind mit Saint Etienne seit fast drei Jahrzehnten auf Tourneen unterwegs. Ich kann mich gut daran erinnern, wie es war, vor dem Maastrichter Abkommen in Europa zu spielen: die Visa für Musiker, die Zollbescheinigungen, um Ausrüstung und Instrumente über die Grenzen zu schaffen, die Gebühren, der Papierkram – wahre Berge davon.

          Der britische Autor, Musiker und Filmemacher Bob Stanley

          Damals gab es einen Beamten, dessen einzige Aufgabe darin zu bestehen schien, britischen Musikern zu helfen, ihre Steuern und Zollgebühren abzurechnen, sobald sie wieder zuhause waren: eine unwirsche Stimme am anderen Ende der Leitung, die sich immer nur mit „Yates“ meldete. Vermutlich ist dieser Yates nach Maastricht arbeitslos geworden – jetzt kann er bestimmt seinen alten Job wiederkriegen.

          Dass Großbritannien von der EU in Bürokratie erstickt worden sein soll: das ist nur der nächste Mythos, von dem nichts mehr übrig geblieben ist. Wie viel schlimmer es noch werden kann, werden wir bald ja sehen. Die Rückkehr in die gute alte Zeit von Zollbescheinigungen, Visa und Yates wird jedenfalls Tourveranstalter wie Musiker abschrecken.

          Großbritannien singt sich Mut an: Robbie Williams

          Es liegt nah, jetzt beim Gedanken an die neunziger Jahre nostalgisch zu werden, oder beim Gedanken daran, wie die europäische Integration das Lebensgefühl der britischen Popmusik verändert hat, besonders im Genre der Dance Music. Regelmäßig haben damals in den neunziger Jahren Platten aus Schweden, Italien, Belgien und der Niederlande bei uns in den Charts gestanden. Nur zehn Jahre zuvor wäre ein Hit, der von irgendwoher vom Kontinent kam, eine Seltenheit gewesen, ja eine Kuriosität.

          Der internationale Spirit der neunziger Jahre

          In den neunziger Jahren haben wir mit Saint Etienne Platten in Malmö und Berlin aufgenommen, kein Mensch brauchte ein Visum, keiner musste Zollgebühren zahlen für die Taschen voller neuer Vinyl-Platten, die wir mit nach Hause brachten. Die Fremdbestäubung, die in den späten achtziger Jahren britischen Indierock mit amerikanischem House und Techno gekreuzt hatte, schien sich weiter ausbreiten zu wollen. Die angloamerikanische Dominanz der populären Musik war an ihr Ende gekommen.

          In dem Moment aber, als dieser neue, grenzüberschreitende Spirit des Internationalismus immer mächtiger wurde, kam dem Fortschritt der aufgeblasene Sound des sogenannten Britpop in die Quere. Blur und Oasis, so redete es sich Großbritannien selbst ein, seien die neuen Beatles und Stones; die beste Popmusik der Welt käme also immer noch aus Großbritannien und sei immer noch das Maß aller Dinge. Die Nabelschau wurde immer intensiver, der kurzlebige internationale Erfolg der Spice Girls machte es nur noch schlimmer.

          Und als die neunziger Jahre dann zuende gingen, zogen die fleißigen und melodiösen Schweden, angeführt von Max Martin (der für Taylor Swift und Katy Perry arbeitet) in den amerikanischen Mainstream-Pop ein, während Daft Punk und französische House-Musik die Tanzflächen auf der ganzen Welt regierten. Dagegen waren die britischen Charts von 1999 voller Boybands von nebenan (A1, Five oder Blue) und unschuldigen Superleichtgewichten wie Steps, S Club 7 und Billie Piper. Wie milchig deren Musik war, schien dem britischen Publikum egal zu sein oder nicht mal aufzufallen. Allen anderen aber schon – keiner dieser Acts konnte einen Schatten über den Kanal werfen, geschweige denn über den Atlantik. Robbie Williams wiederum wurde von den britischen Medien behandelt, als sei er einer von den ganz Großen der Popgeschichte, Teil der Erbfolge: Lennon, Morrissey, Robbie Williams.

          Man hat uns getäuscht. Das zumindest hat sich nicht geändert.

          Ich muss jetzt oft an Liverpool denken: wie traurig und heruntergekommen es um die Jahrtausendwende dort ausgesehen hatte. Früher einmal war Liverpool die kosmopolitischste Stadt Großbritanniens gewesen, mit spanischen, chinesischen und jamaikanischen Vierteln – übriggeblieben davon war damals nur noch eine schäbige Hülle mit Beatles-Muster. Heute aber, erst recht, seit Liverpool zur Europäischen Kulturhauptstadt geworden war, ist die Stadt zu neuem Leben erwacht: In die viktorianischen Lagerhäuser, die über Jahrzehnte hinweg leergestanden hatten, sind Galerien, Clubs und Cafés eingezogen. Das haben europäische Integration und Fördermittel aus einer sterbenden Stadt gemacht.

          Wenn man dieselbe Kraft auch in den Norden Englands investiert hätte, in die anderen Städte, die in den letzten vierzig Jahren von britischen Politikern entweder aufgegeben oder sich selbst überlassen worden sind, Sunderland, Hull oder Bradford: Schwer vorstellbar, dass man dort dann für den Brexit gestimmt hätte. Warum auch? London, Liverpool und Manchester dagegen, die alle drei für den Verbleib gestimmt haben, stellt man jetzt als „Blasen“ hin – statt als Vorbilder, wie es im Rest des Landes aussehen könnte. Und dass Schottland für die EU gestimmt hat, wird als „Nationalismus“ abgetan. Pervers. Wir brauchen ganz dringend eine neue Sicht auf die Dinge.

          Ungutes Vorbild Japan

          Wenn ich mir ausmale, wie es in zehn oder zwanzig Jahren um die britische Popkultur bestellt sein könnte, muss ich schon wieder an die Neunziger denken (schwer, das jetzt nicht zu tun.) Als wir 1991 das erste Mal in Japan spielten, war das wie auf einem anderen Planet. Japan hatte bestimmt mindestens fünf Jahre Vorsprung auf Europa. Japan war ja immer ganz vorn gewesen – nicht nur in Sachen Technologie, auch, wenn es um das wunderschöne Design europäischer Platten ging, oder um ihre lebendige eigene Popszene.

          Mitte der Neunziger sah es dann kurz so aus, als könnte der sogenannte J-Pop auch außerhalb Japans Feuer fangen, der „Shibuya Sound“ bescherte einer Gruppe wie Pizzicato Five weltweite Aufmerksamkeit. Doch gleichzeitig schottete sich Japan wirtschaftlich aggressiv ab. Die nationale Identität zehrte ungebrochen von ihrer Überlegenheit, Scheitern ausgeschlossen. Natürlich war damals die globale Expansion von China und Indien so nicht absehbar. Wenn man aber heute nach Japan kommt, sieht es nicht mehr wie die Zukunft aus, sondern wie ein Themenpark der neunziger Jahre.

          Und das Großbritannien von heute, auf Sparkurs, mit seinem Hang zu wehenden Fahnen, dem wiederentdeckten Union Jack und dem rehabilitierten Königshaus: Dieses Großbritannien wiederum sieht nicht danach aus, irgendwem fünf Jahre in der Zeit voraus zu sein, bis auf Nordkorea vielleicht. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie düster die Aussichten für die britische Popkultur in zehn oder zwanzig Jahren sein mögen.

          Einwanderung und Integration haben die aufregendsten musikalischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre hervorgebracht: Rave, Grime und Dubstep. Aber nichts davon scheint jenem Teil des Landes etwas zu bedeuten, der für den Brexit gestimmt hat. Ich fühle mich im Augenblick, als gehörte ich hier nicht hin.

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