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Brexit und Popmusik : Ein Beispiel britischer Selbstüberschätzung

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Ich muss jetzt oft an Liverpool denken: wie traurig und heruntergekommen es um die Jahrtausendwende dort ausgesehen hatte. Früher einmal war Liverpool die kosmopolitischste Stadt Großbritanniens gewesen, mit spanischen, chinesischen und jamaikanischen Vierteln – übriggeblieben davon war damals nur noch eine schäbige Hülle mit Beatles-Muster. Heute aber, erst recht, seit Liverpool zur Europäischen Kulturhauptstadt geworden war, ist die Stadt zu neuem Leben erwacht: In die viktorianischen Lagerhäuser, die über Jahrzehnte hinweg leergestanden hatten, sind Galerien, Clubs und Cafés eingezogen. Das haben europäische Integration und Fördermittel aus einer sterbenden Stadt gemacht.

Wenn man dieselbe Kraft auch in den Norden Englands investiert hätte, in die anderen Städte, die in den letzten vierzig Jahren von britischen Politikern entweder aufgegeben oder sich selbst überlassen worden sind, Sunderland, Hull oder Bradford: Schwer vorstellbar, dass man dort dann für den Brexit gestimmt hätte. Warum auch? London, Liverpool und Manchester dagegen, die alle drei für den Verbleib gestimmt haben, stellt man jetzt als „Blasen“ hin – statt als Vorbilder, wie es im Rest des Landes aussehen könnte. Und dass Schottland für die EU gestimmt hat, wird als „Nationalismus“ abgetan. Pervers. Wir brauchen ganz dringend eine neue Sicht auf die Dinge.

Ungutes Vorbild Japan

Wenn ich mir ausmale, wie es in zehn oder zwanzig Jahren um die britische Popkultur bestellt sein könnte, muss ich schon wieder an die Neunziger denken (schwer, das jetzt nicht zu tun.) Als wir 1991 das erste Mal in Japan spielten, war das wie auf einem anderen Planet. Japan hatte bestimmt mindestens fünf Jahre Vorsprung auf Europa. Japan war ja immer ganz vorn gewesen – nicht nur in Sachen Technologie, auch, wenn es um das wunderschöne Design europäischer Platten ging, oder um ihre lebendige eigene Popszene.

Mitte der Neunziger sah es dann kurz so aus, als könnte der sogenannte J-Pop auch außerhalb Japans Feuer fangen, der „Shibuya Sound“ bescherte einer Gruppe wie Pizzicato Five weltweite Aufmerksamkeit. Doch gleichzeitig schottete sich Japan wirtschaftlich aggressiv ab. Die nationale Identität zehrte ungebrochen von ihrer Überlegenheit, Scheitern ausgeschlossen. Natürlich war damals die globale Expansion von China und Indien so nicht absehbar. Wenn man aber heute nach Japan kommt, sieht es nicht mehr wie die Zukunft aus, sondern wie ein Themenpark der neunziger Jahre.

Und das Großbritannien von heute, auf Sparkurs, mit seinem Hang zu wehenden Fahnen, dem wiederentdeckten Union Jack und dem rehabilitierten Königshaus: Dieses Großbritannien wiederum sieht nicht danach aus, irgendwem fünf Jahre in der Zeit voraus zu sein, bis auf Nordkorea vielleicht. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie düster die Aussichten für die britische Popkultur in zehn oder zwanzig Jahren sein mögen.

Einwanderung und Integration haben die aufregendsten musikalischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre hervorgebracht: Rave, Grime und Dubstep. Aber nichts davon scheint jenem Teil des Landes etwas zu bedeuten, der für den Brexit gestimmt hat. Ich fühle mich im Augenblick, als gehörte ich hier nicht hin.

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