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Brexit und Popmusik : Ein Beispiel britischer Selbstüberschätzung

  • -Aktualisiert am

Dass Großbritannien von der EU in Bürokratie erstickt worden sein soll: das ist nur der nächste Mythos, von dem nichts mehr übrig geblieben ist. Wie viel schlimmer es noch werden kann, werden wir bald ja sehen. Die Rückkehr in die gute alte Zeit von Zollbescheinigungen, Visa und Yates wird jedenfalls Tourveranstalter wie Musiker abschrecken.

Großbritannien singt sich Mut an: Robbie Williams

Es liegt nah, jetzt beim Gedanken an die neunziger Jahre nostalgisch zu werden, oder beim Gedanken daran, wie die europäische Integration das Lebensgefühl der britischen Popmusik verändert hat, besonders im Genre der Dance Music. Regelmäßig haben damals in den neunziger Jahren Platten aus Schweden, Italien, Belgien und der Niederlande bei uns in den Charts gestanden. Nur zehn Jahre zuvor wäre ein Hit, der von irgendwoher vom Kontinent kam, eine Seltenheit gewesen, ja eine Kuriosität.

Der internationale Spirit der neunziger Jahre

In den neunziger Jahren haben wir mit Saint Etienne Platten in Malmö und Berlin aufgenommen, kein Mensch brauchte ein Visum, keiner musste Zollgebühren zahlen für die Taschen voller neuer Vinyl-Platten, die wir mit nach Hause brachten. Die Fremdbestäubung, die in den späten achtziger Jahren britischen Indierock mit amerikanischem House und Techno gekreuzt hatte, schien sich weiter ausbreiten zu wollen. Die angloamerikanische Dominanz der populären Musik war an ihr Ende gekommen.

In dem Moment aber, als dieser neue, grenzüberschreitende Spirit des Internationalismus immer mächtiger wurde, kam dem Fortschritt der aufgeblasene Sound des sogenannten Britpop in die Quere. Blur und Oasis, so redete es sich Großbritannien selbst ein, seien die neuen Beatles und Stones; die beste Popmusik der Welt käme also immer noch aus Großbritannien und sei immer noch das Maß aller Dinge. Die Nabelschau wurde immer intensiver, der kurzlebige internationale Erfolg der Spice Girls machte es nur noch schlimmer.

Und als die neunziger Jahre dann zuende gingen, zogen die fleißigen und melodiösen Schweden, angeführt von Max Martin (der für Taylor Swift und Katy Perry arbeitet) in den amerikanischen Mainstream-Pop ein, während Daft Punk und französische House-Musik die Tanzflächen auf der ganzen Welt regierten. Dagegen waren die britischen Charts von 1999 voller Boybands von nebenan (A1, Five oder Blue) und unschuldigen Superleichtgewichten wie Steps, S Club 7 und Billie Piper. Wie milchig deren Musik war, schien dem britischen Publikum egal zu sein oder nicht mal aufzufallen. Allen anderen aber schon – keiner dieser Acts konnte einen Schatten über den Kanal werfen, geschweige denn über den Atlantik. Robbie Williams wiederum wurde von den britischen Medien behandelt, als sei er einer von den ganz Großen der Popgeschichte, Teil der Erbfolge: Lennon, Morrissey, Robbie Williams.

Man hat uns getäuscht. Das zumindest hat sich nicht geändert.

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