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Irland und Schottland : Der Streit um einen Stein

  • -Aktualisiert am

Wer hat alles denn Brexit satt? In Irland entbrennt ein Grenzstreit über eine kaum nennenswerte Insel, in Carrickcarnon protestiert ein Mädchen auf der Nordseite der irischen Grenze gegen eine harte Grenze, die Irland teilen würde. Bild: dpa

Nach mehreren Jahren der Brexit-Verhandlungen liegen die Nerven auf den Inseln blank. Nun wird eine nur 20 Meter lange Insel, die kaum als solche zu bezeichnen und seit jeher unbewohnbar ist, zum Politikum – schon wieder.

          Die Insel Rockall liegt vierhundertfünfzig Kilometer von der schottischen Westküste entfernt. Sie ist trotz der Versuche von Spaßvögeln, dies zu widerlegen, gänzlich unbewohnbar und so winzig, dass der britische Marineoffizier, der den Felsen im Nordatlantik anno 1811 erklomm, meinte, die schmalste Bleistiftspitze vermöge diesen Fleck kaum auf einer Landkarte zu markieren, ohne dessen Umfang zu übertreiben. Diese desolate Schäre, die keine zwanzig Meter aus dem Meer ragt und an der breitesten Stelle rund dreißig Meter misst, vermochte zwar die romantische Phantasie und die naturwissenschaftliche Neugier anzusprechen.

          Der breiteren Öffentlichkeit ist sie in den letzten Jahrzehnten jedoch allenfalls durch skurrile Abenteurer oder aus dem Seewetterbericht der BBC ein Begriff, dem Zuhörer wegen der eigenwillig rhythmischen Sprachmelodie gern lauschen, selbst wenn sie nichts mit der Schifffahrt zu tun haben. In den vergangenen Tagen aber lenkt das Wiederaufflammen eines alten Streites um den Granitfelsen den Blick momentan von der durch den inneririschen Grenzstreit entstandenen Paralyse des Brexit-Prozesses in eine andere Richtung.

          Mit dem Schwung des Brexits

          Obwohl Irland und Island sowie Dänemark (im Namen der Färöer-Inseln) ebenfalls Anspruch auf das Eiland erhoben, hatte sich kaum jemand ernsthaft um Rockall geschert, bis es plötzlich im Kalten Krieg durch Atomwaffentests auf den Hebriden eine strategische Bedeutung gewann. Im September 1955 hissten britische Marinesoldaten in der Tradition des imperialen Pioniergeists den Union Jack an der Spitze des Felsens. Mit der Sicherung der Hoheit über diese nordatlantische Meereslandschaft suchte die britische Regierung mögliche Spionageoperationen der sowjetischen Marine zu unterbinden.

          Die Annektierung dieses „Außenpostens des Empire“ war freilich auch als Signal der andauernden geopolitischen Bedeutung Britanniens gedacht – in einer Zeit, in der seine Weltmacht zusehends schrumpfte. 1972 wurde Rockall dann durch ein Gesetz förmlich Schottland angegliedert. Unterdessen sind die umliegenden Gewässer nicht nur wegen der üppigen Fischgründe, sondern auch wegen des Gas- und Ölvorkommens im Meeresboden begehrt. Neuerdings droht Edinburgh mit der Behinderung von irischen Fischerbooten im Bereich der Zwölfseemeilenzone um den Felsen. Statt territoriale Ansprüche geltend zu machen, beruft sich Irland auf das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen, wonach „Felsen, die für die menschliche Besiedlung nicht geeignet sind oder ein wirtschaftliches Eigenleben nicht zulassen, keine ausschließliche Wirtschaftszone und keinen Festlandsockel“ haben.

          Dublin wirft der regierenden schottischen Nationalpartei vor, innenpolitisches Kapital schlagen zu wollen, indem diese sich angesichts des bevorstehenden Brexit aufplustere. Trotz der Eskalation beteuern beide Regierungen, den Disput freundschaftlich beilegen zu wollen. Ein nach Rockhall entsandtes schottisches Patrouillenboot ist inzwischen wieder umgekehrt. Als die Argentinier 1982 auf den Falkland-Inseln landeten, mussten britische Beamte erst einmal auf der Landkarte suchen, wo sich dieses britische Kolonialgebiet befindet. Jose Luis Borges verspottete den Konflikt damals als einen Streit zwischen zwei kahlköpfigen Männern um einen Kamm. Nun gibt ein Nadelstich auf der Landkarte Anlass zu einem diplomatischen Wirbel pontevedrinischen Charakters.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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