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Im britischen Parlament : Sie genießen das Theater

Schreit gerne: Boris Johnson Bild: AFP

Die jüngsten Debatten über den Brexit im britischen Parlament zeigten eine Theatralik und Frivolität, die manchem Abgeordneten übel aufstößt. Dabei ist sie ein Produkt der englischen Elitenerziehung.

          In einem Appell, mit dem deutsche Prominente aus Politik und Wirtschaft unlängst versuchten, die Briten zum Verbleib in der Europäischen Union zu bewegen, haben die Unterzeichner lauter Eigenschaften aufgeführt, die sie vermissen würden, wenn Großbritannien austräte – als würden die Inseln sich dann hinter einem Bollwerk verschanzen, wie es der Schriftsteller John Lanchester in seinem gerade erschienenen allegorischen Zukunftsroman „The Wall“ (auf Deutsch jetzt als „Die Mauer“ bei Klett-Cotta) entlang der gesamten britischen Küstenlinie errichtet hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Mit der Sehnsucht nach dem englischen Pub, nach Tee mit Milch und der traditionellen Weihnachtspantomime zeichnen die anglophilen Deutschen ein sentimentales England-Bild, wie es auch Premierminister John Major 1993 in einer Rede beschwor, mit der er damals die Euroskeptiker im Land überzeugen wollte, dass seine Vision der britischen Rolle im Herzen Europas vereinbar sei mit dem unauslöschlichen Wesen der Nation: In fünfzig Jahren, so Major, werde Großbritannien noch das Land langer Schatten auf den Cricketfeldern der Grafschaften, des warmen Biers und der grünen Vororte sein. Alte Jungfern würden, wie George Orwell es zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in seinem Plädoyer für einen patriotischen Sozialismus formuliert habe, noch durch den Morgendunst zur Heiligen Kommunion radeln, und wenn die konservative Bildungspolitik sich durchsetze, werde Shakespeare sogar noch in den Schulen gelesen.

          Clowneske Gestalten in der Brexit-Debatte

          Orwell hat in seinem berühmten Essay „The Lion and the Unicorn“ (der Titel bezieht sich auf die Schildhalter des britischen Wappens) das rustikale Frühstück, trübe Sonntage, verrauchte Städte, gewundene Landstraßen, grüne Felder und rote Briefkästen als Attribute der englischen Zivilisation hervorgehoben. Tolkien stellte das Auenland der Hobbits als England-Idylle dar. T.S. Eliot zählte das Derby, die Regatta von Henley, das Fußballpokalfinale, Hunderennen, Wensleydale-Käse, gekochte Weißkohlscheiben, in Essig eingelegte Rote Bete, gotische Kirchen des neunzehnten Jahrhunderts und die Musik Elgars zu den Merkmalen der englischen Kultur. Genauso bezogen sich nun die „deutschen Freunde“ in etwas unbeholfener Nachahmung englischen Geplänkels auf typisch britische Embleme, mit denen sie wohl meinten, das Herz der Brexit-Befürworter rühren zu können.

          Selbstdarsteller: Jacob Rees-Mogg

          Sie hätten vielleicht auch noch gesalzene Butter nennen können, eine der Leidenschaften des Erz-Brexit-Befürworters Jacob Rees-Mogg, dem ungesalzene Butter zu kontinentaleuropäisch ist. In Habitus und Weltanschauung stilisiert sich der konservative Abgeordnete zum Inbegriff einer aus Klischees konstruierten Vorstellung von britishness, mit der bestimmte Brexit-Anhänger die Forderung nach einer sich dem Diktat der Brüsseler Bürokratie entziehenden souveränen Nation untermauern. Rees-Mogg treibt dies, freilich nicht ohne raffinierte Selbstironie, auf die Spitze, wenn er etwa im Parlament Aufmerksamkeit und Gelächter provoziert, indem er einen Begriff wie floccinaucinihilipilification spielend von der Zunge gleiten lässt oder einen Gesetzesantrag zur Angleichung der britischen Uhren auf mitteleuropäische Zeit zu vereiteln sucht durch die Forderung nach einer eigenen Zeitzone für sein heimatliches Somerset, wie es die Grafschaft bis 1840 auch hatte, als der Fahrplan der Eisenbahn die Standardisierung erforderlich machte. Oder wenn Rees-Mogg sich über die Mentalität von Kommunalbeamten mokiert mit dem Vorschlag, dass sie sich durch das Tragen einer Melone als energische Bürokraten kenntlich machen sollten.

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