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Britische Parlamentspause : Wer spricht für die Bevölkerung?

  • -Aktualisiert am

Ein zweiter Cromwell? Einige Briten erinnern sich bei der geplanten Parlamentspause an frühere Machtkämpfe um die Konstituierung des Parlaments. Bild: dpa

Das oberste britische Gericht will heute über die von Premierminister Johnson auferlegte Zwangspause des britischen Parlaments entscheiden. Wie immer das Urteil ausfallen wird: Die Kluft, die der Brexit geschlagen hat, dürfte es nur vergrößern.

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          Im April 1653 riss der Geduldsfaden bei Oliver Cromwell im festgefahrenen Machtkampf um die Konstituierung des Parlaments und die Erstellung einer neuen Verfassung. Wutentbrannt stürmte er mit einer Kompanie Soldaten ins Unterhaus und beschimpfte die „widerspenstige Bande“, die der guten Regierung Feind sei. Er befahl den Truppen, den als „Narrenpritsche“ bezeichneten Stab, das Symbol der parlamentarischen Autorität, zu entfernen, und schickte die Abgeordneten im Namen Gottes weg. Es war klar, dass beim Aufschrei wegen Boris Johnsons Vertagung des Parlaments dieser einzige Fall eines militärischen Coups gegen die gewählte Legislative zitiert werden würde, sosehr der Vergleich hinkt. Cromwells gewaltsame Auflösung des Parlaments wurde später noch mehrfach beschworen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Heute wird Cromwell als Diktator dargestellt, der den König hinrichten ließ und das Parlament zerschlug. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert deuteten einige Kommentatoren, verdrossen über die Parlamentarier ihrer Zeit, Cromwells Tirade als gerechtfertigten Tadel an einer korrupten Oligarchie. Der radikale Weber Samuel Bamford, der vor zweihundert Jahren in Manchester an der blutig zerschlagenen Kundgebung von Peterloo für das allgemeine Stimmrecht teilnahm, wollte nach einem Besuch im Unterhaus nicht glauben, dass dies die „erhabenste Versammlung freier Männer“ sei. Pathetisch rief er nach jemandem vom Schlage des „strengen alten Oliver“, der seine Stimme über das babylonische Geschrei in der Kammer erhöbe mit dem Ruf: „Entfernt diese Narrenpritsche!“

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