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Brender über das System ZDF : Lauscher auf dem Lerchenberg

Kritisiert das Zuträgersystem des ZDF: der scheidende Chefredakteur Nikolaus Brender Bild: dpa

Der Chefredakteur des ZDF redet Tacheles, auch zum Abgang. Von „inoffiziellen Mitarbeitern“ der Parteien im Sender spricht Nikolaus Brender. Intendant Markus Schächter widerspricht ihm, und ein CDU-Mann will ihm für seine Äußerungen gar die Pension kürzen.

          Da hat Nikolaus Brender, der scheidende Chefredakteur des ZDF, der Politik einen Knochen hingeworfen. Sein Sender, dessen Intendant ihn zwar nominierte, dann aber unter dem Druck der Unionsvertreter im Verwaltungsrat fallen ließ, stecke voller „Inoffizieller Mitarbeiter“ der Parteien, sagte er dem „Spiegel“, „wirklich vergleichbar mit den IM der DDR, die sich die großen Parteien in einem Sender wie dem ZDF halten“. Politiker konfrontierten einen „ganz schnell mit vertraulichen Infos“, die sie „nur von solchen Zuträgern haben können. Da finden Sie ein feingesponnenes Netz von Abhängigkeiten, aus dem sich Karrierechancen, aber auch Verpflichtungen ableiten lassen.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Abermals spricht Brender damit eine bittere Wahrheit über den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus, dessen parteipolitische Durchdringung der hessische Ministerpräsident Roland Koch und die mit ihm stimmenden Mitglieder des Verwaltungsrats in aller Deutlichkeit bewiesen haben. Doch das hängt natürlich nicht an Koch allein; er hat lediglich mit Getöse exerziert, was im ZDF – und nicht nur dort – sonst seit Jahrzehnten eher reibungs- und geräuschlos sich vollzieht: Die Parteien formen die Anstalten nach ihrem Willen, machen Personal- und damit Programmpolitik, dafür genehmigen sie den Sendern Gebührenerhöhungen satt und das Ausgreifen ins Internet. Das eine wie das andere funktioniert parteiübergreifend in einer großen Koalition von Unions- und SPD-Landesmedienpolitikern und Ministerpräsidenten.

          Schächter appelliert an den Corpsgeist

          Ohne die Zuträger aus dem Sender, auf die Brender anspielt, funktioniert das System selbstverständlich nicht. Dass es funktioniert, hat die im Laufe der Debatte unter anderem von Roland Koch vorgetragene Kritik an Brender gezeigt, an dessen vermeintlichen persönlichen Schwächen im Umgang mit Mitarbeitern wie an angeblichen Misserfolgen im Programm. Das war zwar alles sehr durchsichtig und inhaltlich dürftig, aber erkennbar mit Senderinterna unterfüttert. Etwas anderes wäre auch überraschend, schließlich müssen sich diejenigen, die auf Parteischienen nach oben gleiten, ja irgendwie revanchieren.

          Dass der IM-Vergleich – der wahrlich nicht sein Kernsatz im „Spiegel“ ist – historisch belastet ist, dürfte Brender bewusst sein, der Machtapparatelogik nach ist er aber sehr zutreffend. Gleichwohl hat der stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Hugo Diederich, jetzt Gelegenheit, Brenders Verweis als „verbale Entgleisung“ zu kennzeichnen: Das ZDF sei keine kleine DDR. Der Mann muss es wissen; er sitzt in jenem Fernsehrat des Senders, dessen Mitglieder die Ministerpräsidenten, die im Verwaltungsrat sitzen, als Vertreter vermeintlich unabhängiger gesellschaftlicher Gruppen auswählen und aus deren Mitte wiederum acht Gesandte für den Verwaltungsrat bestimmt werden. Auch diese Art von Gewaltenverschränkung, nicht Gewaltenteilung, könnte einen auf DDR-Vergleiche bringen.

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